Erster Schmerz, letzter Scherz
Wilhelm Müller · 1794–1827
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Nun sitz’ am Bache niederMit deinem hellen Rohr,Und blas’ den lieben KindernDie schönen Lieder vor.
Die Lust ist ja verrauschet,Das Leid hat immer Zeit:Nun singe neue LiederVon alter Seligkeit.
Noch blühn die alten Blumen.Noch rauscht der alte Bach,Es scheint die liebe SonneNoch wie am ersten Tag.
Die Fensterscheiben glänzenIm klaren Morgenschein,Und hinter den FensterscheibenDa sitzt die Liebste mein.
Ein Jäger, ein grüner Jäger,Der liegt in ihrem Arm –Ei, Bach, wie lustig du rauschest!Ei, Sonne, wie scheinst du so warm!
Ich will einen Strauß dir pflücken,Herzliebste, von buntem Klee,Den sollst du mir stellen an’s Fenster,Damit ich den Jäger nicht seh’.
Ich will mit RosenblätternDen Mühlensteg bestreun:Der Steg hat mich getragenZu dir, Herzliebste mein!
Und wenn der stolze JägerEin Blättchen mir zertritt,Dann stürz’, o Steg, zusammenUnd nimm den Grünen mit!
Und trag ihn auf dem RückenIn’s Meer, mit gutem Wind,Nach einer fernen Insel,Wo keine Mädchen sind.
Herzliebste, das Vergessen,Es kommt dir ja nicht schwer –Willst du den Müller wieder?Vergißt dich nimmermehr.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die schöne Müllerin, in: Gedichte von Wilhelm Müller. Vollständige kritische Ausgabe. S. 15–17, B. Behr, Berlin, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Erster Schmerz, letzter Scherz“, Fassung 2.207.656 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Wilhelm Müller starb 1827; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1897 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11858524X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.