Zum Inhalt springen
Versbuch

Der Dichter, als Prolog

Wilhelm Müller · 17941827

48 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1906

Ich lad’ euch, schöne Damen, kluge Herrn,Und die ihr hört und schaut was Gutes gern,Zu einem funkelnagelneuen SpielIm allerfunkelnagelneusten Styl;Schlicht ausgedrechselt, kunstlos zugestutzt,Mit edler deutscher Rohheit aufgeputzt,Keck wie ein Bursch im Stadtsoldatenstrauß,Dazu wohl auch ein wenig fromm für’s Haus:Das mag genug mir zur Empfehlung sein,Wem die behagt, der trete nur herein.Erhoffe, weil es grad’ ist Winterzeit,Thut euch ein Stündlein hier im Grün nicht Leid;Denn wißt es nur, dass heut’ in meinem LiedDer Lenz mit allen seinen Blumen blüht.Im Freien geht die freie Handlung vor,In reiner Luft, weit von der Städte Thor,Durch Wald und Feld, in Gründen, auf den Höhn;Und was nur in vier Wänden darf geschehn,Das schaut ihr halb durch’s offne Fenster an,So ist der Kunst und euch genug gethan.

Doch wenn ihr nach des Spiels Personen fragt,So kann ich euch, den Musen sei’s geklagt,Nur eine präsentiren recht und ächt,Das ist ein junger blonder Müllersknecht.Denn, ob der Bach zuletzt ein Wort auch spricht,So wird ein Bach deshalb Person noch nicht.Drum nehmt nur heut’ das Monodram vorlieb:Wer mehr giebt, als er hat, der heißt ein Dieb.

Auch ist dafür die Scene reich geziert,Mit grünem Sammet unten tapeziert,Der ist mit tausend Blumen bunt gestickt,Und Weg und Steg darüber ausgedrückt.Die Sonne strahlt von oben hell hereinUnd bricht in Thau und Thränen ihren Schein,Und auch der Mond blickt aus der Wolken FlorSchwermüthig, wie’s die Mode will, hervor.Den Hintergrund umkränzt ein hoher Wald,Der Hund schlägt an, das muntre Jagdhorn schallt;Hier stürzt vom schroffen Fels der junge QuellUnd fließt im Thal als Bächlein silberhell;Das Mühlrad braust, die Werke klappern drein,Man hört die Vöglein kaum im nahen Hain.Drum denkt, wenn euch zu rauh manch Liedchen klingt,Daß das Lokal es also mit sich bringt.Doch, was das Schönste bei den Rädern ist,Das wird euch sagen mein Monodramist;Verrieth’ ich’s euch, verdürb’ ich ihm das Spiel:Gehabt euch wohl und amüsirt euch viel!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die schöne Müllerin, in: Gedichte von Wilhelm Müller. Vollständige kritische Ausgabe. S. 3-4, B. Behrs, Berlin, 1906
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Dichter, als Prolog“, Fassung 3.083.180 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Wilhelm Müller starb 1827; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1897 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11858524X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Wilhelm Müller

Alle Gedichte von Wilhelm Müller ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Romantik

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.