Marie Duchatel
Theodor Fontane · 1819–1898
109 Zeilen in 28 Strophen · zuerst gedruckt 1905
(Aus der Zeit Maria Stuart’s.)
„Welchen Hofstaat bringt unsre Königin mit?“„„Sie bringt mit ihre vier Marien,Ihre vier Marieen von Frankreich her,Die müssen mit ihr ziehn.
„„Die müssen ihr plätten und glätten das BettUnd warten auf der Schwell’,Ich kenne die jüngste, die schönste,Das ist Marie Duchatel.““
Marie Duchatel sprang ans Ufer,Im Winde flog ihr Haar,Der König sah Marie Duchatel,Und wie schön und wie schlank sie war.
Marie Duchatel sprang in den Bügel,Ihr Haar war blond und licht,Der König sah Marie Duchatel,Die andern sah er nicht.
Marie Duchatel sprang aus dem SattelUnd zur Kirche schritten sie hin,Der König sah Marie DuchatelViel mehr als die Königin.
Und eh drei Wochen waren in’s Land,Da sangen sie laut und hell:Was sind alle Mädchen am HofeGegen Marie Duchatel.
Und eh drei Monde waren in’s Land,Da sangen sie, Groß und Klein:Ach, ohne Marie DuchatelKönnten wir gar nicht sein.
Marie Duchatel, Marie Duchatel,Wolle nicht in den Garten gehn,Der König ist da und die Nacht ist nah,Und du kannst nicht widerstehn!
Nun pflücket sie heimlich vom KlosterbaumUnd ringt ihre Hände wund,Doch das Leben unterm HerzenWird lebendiger jede Stund.
Und endlich hinaus zum StrandeSchleicht sie und trägt ihr Kind:„Nun schwimme oder sinke“Flüstert sie in den Wind. –
Am andern Morgen läuft’s auf und ab:„Wisset ihr was geschah?Marie Duchatel hat ein KleinesUnd das Kleine ist nicht da.“
Und die Königin ruft Marie Duchatel,Die zittert und kommt geschwind:„Ich hörte zu Nacht ’was wimmern!Sag an, wo ist Dein Kind?“
„„Ich habe kein Kind, Mylady,Denket nicht so schlecht von mir,Ich hatte Stiche und SchmerzenUnterm Herzen hier.““
„Und hattest Du Stiche und Schmerzen,Wohlan, heut bist Du gesund,Bring mir meinen Mantel von Scharlach,Wir reiten noch diese Stund;
Wir reiten von Schloß StirlingBis Edinburg ohne Müh,Und in Edinburg giebt’s HochzeitMorgen in aller Früh.“
Die Königin stieg zu Rosse,Ihre Herren und Damen mit,Sie ritten all im Trabe,Marie Duchatel ritt im Schritt.
„Haltet an, liebe Herren und Damen,Ich kann nicht folgen mehr;“Sie hörten’s und sprengten weiter,Sie ritt seufzend hinterher.
Und als sie kamen zum Thore,Da wußten sie’s schon in der Stadt,Alle Mädchen und Frauen schluchztenSo oft sie gegrüßet hat.
„Was weinet ihr, liebe Frauen?Kommt mit, es soll Hochzeit sein;“ –Sie schüttelten ihre KöpfeUnd traten in’s Haus hinein. –
Am Norderthor, wo das Zollhaus steht,Da saßen sie zu Gericht,Sie war erst sechszehn Jahre,Das konnte sie retten nicht.
Durchs Süderthor, am andren Tag,Ein Zug und ein Karren schlich,Marie Duchatel wollte lächelnUnd weinte bitterlich.
Sie kamen an den Hügel:„Leb wohl, liebe Königin,Von Deinen vier MarieenGeht eine nun dahin.
„Oft hab ich Dich angekleidetUnd Dir das Bett gemacht,Daß es so kommen würde,Das hab ich nie gedacht.
„Oft hab’ ich Dir mit GoldbandDein Scharlachmieder gesäumt,Von diesem Tag und dieser StundAch, hab’ ich nie geträumt.
„Ihr Schiffer und ihr Matrosen,Wenn ihr zu Schiffe geht,Erzählt kein Wort in FrankreichVon allem was ihr nun seht.
„Erzählt nicht meiner MutterVon dem Brett, auf dem ich stand,Und nichts von meinem TodeUnd nichts von meiner Schand.
„Ach, meine arme Mutter,Als in der Wieg’ ich lagUnd Du mich herztest und küßtest,Wie fern war dieser Tag!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 162–166, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Marie Duchatel“, Fassung 1.766.020 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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