Die Bienenschlacht
Theodor Fontane · 1819–1898
124 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1851
Nur kein Gegrübel,Was es sei;Wohl oder übel –Der Scherz ist frei
Die Wespen und die BienenSie haben sich entzweit,Wie Guelphen und GhibellinenStehen sie im Streit,Parthei nimmt Hummel und Käfer,Und selbst der Blumen-Elf,Es flüstern die Lilienschläfer:„Hie Waibling und hie Welf!“
Die Bienen halten sich wacker,Doch ach, trotz Wall und Thurm,Den Schoten- und Bohnen-AckerNahm der Feind im Sturm;Schon um die heimische Linde,Wie um Herd und Haus,Sammelt das Bienen-GesindeSich zum letzten Strauß.
Eine (sie stund auf Wache,Und das Weinen war ihr nah)Schwur: „eine herrliche SacheSei dies mori pro patria!Daß ihr Stand so ein harterFreue sie nur zu sehn,Wie die dreihundert SparterWürden sie untergehn.“
Sprach da eine Zweite:„Wohl, sie stimme dem bei,Daß zu fallen im StreiteEin Vergnügen sei;Nur sie wäre verwundert,Daß man auf Sparta säh’,Pforzheim und seine VierhundertHätte man ja in der Näh’“.
Sprach es. Die Anderen alle,Immer gesinnungsvoll,Klatschten in diesem FalleGeradezu wie toll; –Siehe! da schwarz am Himmel,Wie Heuschreckenzug,Nahet das WespengewimmelSich im Siegesflug.
Solche Schwärme und FlügeNimmer der Garten sah,Wahre HunnenzügeSind es des Attila.Gierig nach Blut und MordenStürmen sie heran,Wie die MongolenhordenUnter Dschingiskhan.
Bald in gebogenem Horne,Bald in gespitztem Keil,Aber immer nach vorneStachel und Hintertheil:So, nach reifer Betrachtung,Stürmen sie herbei,Weil es der VerachtungSprechendster Ausdruck sei.
Auch die Bienen, in DemuthWerden sich deß bewußt,Schier unendliche WehmuthSchleicht in ihre Brust,Stimmen statt Schlachtgesanges,Klagelieder an,Und vor allem ein banges:„Zeige dich braver Mann!“
Siehe, da schnell ein SasseTritt hervor aus den Reih’n:„Mach’ Euch eine GasseLiebe Genossen mein!“Und als ob es ihm wäreNichtiger Zeitvertreib,Drückt er dreizehn SpeereTief sich in den Leib.
Wüthend die Bienen klammernDa an den Feind sich an,Alle Wespen jammern:„Rette sich wer kann!“Aber mit Waffen, schartig,Hummeln und andere mehr,Fallen jetzt landsturmartigUeber die Flüchtigen her.
Abend kommt; es schattet;Letzte Röthe schied;Siehe, da wird bestattetBienen-Winkelried.Solch ein Gäste-Gedränge,Alle mußten’s gestehn,Und solch LeichengeprängeHatten sie nie gesehn.
Rings auf Spitzen und ThürmchenAn dem Hecken-Zaun,Glühten JohanniswürmchenHell wie Fackeln traun;Taghell so beleuchtet,Kam der Zug daher,Jedes Auge gefeuchtet,Jedes Herze schwer.
Vorne, drei HummelbrummerSchritten ernst und barsch,Trommelten in KummerIhren Trauermarsch;Dann mit Ruhm zu meldenKam der wächserne Sarg,Der des Helden der HeldenIrdische Hülle barg.
Vier kohlschwarze Käfer,– Allen wohlbekannt –Waren, als Rappen, dem SchläferDrinnen vorgespannt;Auf dem Deckel obenLagen, Schaft an Schaft,Alle die dreizehn ProbenSeiner Ritterkraft.
Still des Zuges SpitzeHat jetzt eingelenkt:In eine MauerritzeWird der Sarg gesenkt.Dann – wie KriegsgesindeRasch den Gram vertauscht –Haben im Duft der LindeAlle sich berauscht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 190–197, 1. Auflage, Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst., Berlin, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Bienenschlacht“, Fassung 3.027.480 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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