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Versbuch

Lady Essex

Theodor Fontane · 18191898

120 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1905

(Fragment.)

1.

In England wüthen zwei Tyrannen:Der König Jacob und die Pest,Und jener immer rafft von dannen,Was diese noch am Leben läßt.Im Staube liegt die heilge SacheDes Volks und bettelt vor dem Thron,Schon aber weben Haß und RacheDein Siegeskleid – Revolution.Schon athmet Cromwell, schon allnachtensTritt Englands Zukunft vor ihn hinUnd legt die Keime künft’gen TrachtensIn seinen ruhmbegier’gen Sinn,Schon graut der Tag, nur noch ein Kurzes,So steigt die Sonne blutigroth,Doch für die Zeichen nahnden SturzesIst jede Stuart-Seele todt.An Jacobs Hof drückt ihren StempelDie Lust noch auf jedwede Stirn,Noch ist sein Schloß ein Bacchustempel,Die Flasche gilt, es gilt die Dirn.Und rast die Pest, ein jedes OpferScheint nur zu rufen: „Frisch gelebt,Wer weiß es, ob der Tod den KlopferNicht bald an Deiner Thüre hebt,“Es ist, als ob das nahe SterbenDem Leben vollre Reize leiht,Man jagt in Lust darum zu werben,Genuß ist Losungswort der Zeit.

* * *

Bei Hof ist Ball. Sieh, scheint nicht ebenDie Schönheit selbst daher zu schweben?Wer anders kann sie sein, die Schlanke,Zu der, wenn sie vorüberrauscht,Ein jeder Sinn sich und GedankeHinneiget und gefangen lauscht.An ihrer Schönheit stumpft der Hohn;Mehr als ein König auf dem Thron,Wenn seine Blicke zornig irren,Vermag ihr Auge zu verwirren,Das bloße Flattern ihrer LockenMacht schon des Höflings Zunge stocken,Und selbst der Neid, auf den sie späht,Verwundert ihre Majestät.

Was ist’s, das bis ins tiefste HerzeDie Welt bei Hofe selbst durchbebt,Wenn anmuthvoll, in leichtem Scherze,Die Lady Essex näherschwebt?Ist’s jener Tugend hoher Geist,Der selbst die Spötter schweigen heißtUnd Ehrfurcht auch von dem ertrotzt,Der schier von allen Lastern strotzt?Wie, oder ist es nur ein Grauen,Das sich in alle Herzen bahnt,Weil man die finstern Mächte ahnt,Die hier im Busen Hütten bauen?Das ist’s. Ein Ahnen flüstert leis:All dieser Stolz ist Aetna-Eis,Ist Lüge, die zu leugnen strebt,Die Lavagluth, die drunter lebt.

2.

Der Herbst ist da. Die Lust zu jagen,Lockt aus der Stadt nach Windsor-Schloß,Und jetzt, vorbei an Heck’ und Hagen,Bricht Jacob und sein Jägertroß.Welch Leben das! Die Rosse schäumen,Die Meute klafft, die Pfeife gellt,Der Wald erwacht aus seinen TräumenUnd schauert, wenn ein Opfer fällt.Schon dunkelt’s. Doch das Blutvergeuden,Es dauert fort bis in die Nacht,Bis Dürsten nach des Mahles FreudenDem Durst nach Blut ein Ende macht.

Heim ruft das Horn. Bald in den RäumenDes Schlosses lärmt man beim Bankett,Man zecht, und statt der Rosse SchäumenSchäumt Wein und Lust jetzt um die Wett,Toaste schollen hunderttönig,Der Wein verschwistert Alt und Jung,Und lüstern bringt zuletzt der KönigDen Damen seine Huldigung.„Die Schönen hoch!“ Der trunkne AlteMatt blinzelnd ruft er’s durch den Saal,Sie aber, der sein Hoch erschallte,Die Lady Essex fehlt beim Mahl.

* * *

Dieweil der königliche ZecherUmsonst nach ihren Zügen gafft,Leert sie den ysopbittren BecherZurückgewiesner Leidenschaft.Sie, die bei tausend Huldigungen,Ihr Herz mit kaltem Stolz bewährt,Sieht jeden Sieg, den sie errungen,In Niederlage jetzt verkehrt,Sie glüht, und hinter TeppichwändenHervor aus wohlgeborgnem Schrank,Nimmt sie den aus ital’schen HändenHeut erst erkauften Liebestrank.„Der thu es!“Und schon weiter bauend,Das Fläschchen in gekrampfter Hand,Stutzt plötzlich sie, sich selbst erschauendGenüber in der Spiegelwand.Es ist, als fasse sie ein StaunenVor ihrem eignen EbenbildSie hört den Stolz im Busen raunen:„Du bist es, draus Dir Rettung quillt.“Hinklirrt das Glas in Splitterscheiben:„Fahr’ wohl! … Du kümmerlicher SaftSollst nicht um Liebe für mich werbenUnd spotten meiner eignen Kraft.Traun, ob der alte HöllenmeisterAuch selber dich bereitet hätt’,Gilt’s Herrschaft über Sinn und Geister,Ich biete dir und ihm die Wett’;Nur fort der letzte Rest von Lüge,All Schein und Maske fahre hin,Sehn soll er meine wahren ZügeUnd siegen werd’ ich, wie ich bin …“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 173–176, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Lady Essex (Fontane, 1905)“, Fassung 1.765.989 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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