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Versbuch

Maria Stuart’s Weihe

Theodor Fontane · 18191898

44 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1851

Schloß Holyrood ist öd’ und still,Der Nachtwind nur durchpfeift es schrill,Es klirrt kein Sporn in Hof und Hall’,Nur finstres Schweigen überall.

Da plötzlich schwebt, in luftgem Gang,Ein hohes Weib die Hall’ entlang:Ihr klares Aug’ strahlt ewig-jungVom Feuer der Begeisterung.

Zu Häupten ihr glüht Sternenschein,Ihr Haar ist Gold, – wer mag sie sein?Sie kommt, und bringt ihr AngebindIm Saale drin dem Königskind.

Das Königskind das heißt Marie,Sie aber ist die Poesie;Die neiget jetzt zur Wiege sich,Und flüstert ernst: „ich weihe Dich!“

Sie flüstert’s kaum, da – still und stummEntschwebet schon sie wiederum,Und lachend schlüpfen lust’ge ZweiJetzt in die Thür, an ihr vorbei.

Die Eine strotzt von buntem Tand,Ein Spiegel blitzt in ihrer Hand,Bald schaut sie sich und bald ihr Kleid,Das war die Dirne „Eitelkeit“.

Die Andre frech und üppig gar,Trägt langes aufgelöstes Haar,Ihr Aug’ ist schwarz, nackt ihre Brust,Das war die Dirne „Sinnenlust“.

Sie neigen beid’ zur Wiege sich,Und kichern hell: „wir weihen Dich!“Da huscht, – und ihre Wang’ erblasst,Rasch in den Saal ein dritter Gast.

Wie Schatten schleicht er an der Wand,Sein Kleid ist roth, roth seine Hand,Er schaut sich um, sein Auge sticht,Und messerscharf ist sein Gesicht.

Er neigt sich jetzt, und spricht das Wort:„Ich weihe Dich zu Blut und Mord!“Aufschreit im Schlaf das Königskind,Und heller draußen pfeift der Wind.

Der Gast ist fort, doch her und hinWirft banger Traum die Schläferin,Geweiht für’s Leben schlummert sieDie schöne, schottische Marie.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 149–152, 1. Auflage, Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst., Berlin, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Maria Stuart’s Weihe“, Fassung 3.027.552 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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