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Versbuch

Lady Essex

Theodor Fontane · 18191898

163 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1851

(Fragment.)

1.

In England wüthen zwei Thyrannen:Der König Jacob und die Pest,Und Jener immer raft von dannen,Was diese noch am Leben läßt.Gesetz und Recht – des Volkes PathenSind jedes Höflings Spiel und Spott,Schon seufzen gilt als hochverrathen,Und führt zu Kerker und Schaffott.

Im Staube liegt die heilge SacheDes Volks, und bettelt vor dem Thron,Schon aber weben Haß und RacheDein Siegeskleid – Revolution.Schon schlummert Er in goldner Wiege,Deß Stirne jenen Stempel trägt,Den auf des Mordgeweihten ZügeVon Jugend auf das Schicksal prägt;Schon athmet Cromwell, schon allnachtensTritt Englands Zukunft vor ihn hin,Und legt die Keime künftgen TrachtensIn seinen ruhmbegiergen Sinn;Schon graut der Tag, nur noch ein KurzesSo steigt die Sonne blutigroth,Doch für die Zeichen nahnden SturzesIst jede Fürstenseele todt.

An Jacobs Hof drückt ihren StempelDie Lust noch auf jedwede Stirn,Noch ist sein Schloß ein Bacchustempel:Die Flasche gilt, es gilt die Dirn’;Wohl rast die Pest, doch jedes OpferScheint nur zu rufen: „Frisch gelebt!Wer weiß es ob der Tod den KlopferNicht bald an Deiner Thüre hebt.“Es ist, als ob das nahe SterbenDem Leben tausend Reize leiht,Man jagt um seine Lust zu werben;„Genuß“ ist Losungswort der Zeit.

Bei Hof ist Ball; schau, – scheint nicht ebenDie Schönheit selbst daher zu schweben?Wer anders kann sie sein die Schlanke,Zu der, wenn sie vorüberrauscht,Ein jeder Sinn sich und GedankeHinneiget und gefangen lauscht!An ihrer Schönheit stumpft der Hohn.Mehr als ein König auf dem Thron,Wenn seine Blicke zornig irren,Vermag ihr Auge zu verwirren;Das bloße Flattern ihrer LockenMacht schon des Höflings Zunge stocken,Und selbst der Neid auf den sie späht,Bewundert solche Majestät.

Was ist’s, das bis in’s tiefste HerzeSelbst das Geschmeiß am Hof durchbebt,Wenn anmuthvoll, mit leichtem Scherze,Die Lady Essex näher schwebt!Ist es das junogleiche Haupt,Was jeder Brust den Athem raubt?Ist’s jener Tugend hoher GeistDer selbst die Spötter schweigen heißt,Und Ehrfurcht auch von dem ertrotzt,Der schier von allen Lastern strotzt?Wie oder ist es nur ein Grauen,Das sich in alle Herzen bahnt,Weil man die finstren Mächte ahnt,Die ihr im Busen Hütten bauen?So ist’s! ein Ahnen flüstert leis:All dieser Stolz ist Aetna-Eis,Ist Lüge, die zu leugnen strebtDie Lavagluth, die drunter lebt.

2.

Der Herbst ist da; die Lust zu jagenLockt aus der Stadt nach Windsor-Schloß,Und jetzt, vorbei an Heck und HagenBraust Jacob und sein Jägertroß.Welch Leben das! die Rosse schäumen,Die Meute klafft, die Pfeife gellt,Der Wald erwacht aus seinen Träumen,Und schauert, wenn ein Opfer fällt.Schon dunkelt’s; doch das BlutvergeudenEs dauert fort bis in die Nacht,Bis Dürsten nach des Mahles Freuden,Dem Durst nach Blut ein Ende macht.

Heim ruft das Horn; bald in den RäumenDes Schlosses lärmt man beim Bankett,Man zecht, und statt der Rosse Schäumen,Schäumt Wein und Freude um die Wett:Toaste schallen hunderttönig,Der Wein verschwistert Alt und Jung,Und lüstern bringt zuletzt der KönigDen Damen seine Huldigung.„Die Schönen hoch!“ Der trunkne AlteEr ruft’s, und blinzelt durch den Saal,Sie aber, der sein Hoch erschallte,Die Lady Essex fehlt beim Mahl.

Indeß der königliche ZecherUmsonst nach ihren Zügen gafft,Leert sie den gifterfüllten BecherZurückgewiesner Leidenschaft.Sie, die bei tausend HuldigungenIhr Herz mit kaltem Stolz bewehrt,Sieht jeden Sieg, den sie errungenIn Niederlage jetzt verkehrt.Umsonst, daß sie die SinnenliebeSo lang bemeistert und gebannt,Jetzt höhnen sie die eignen TriebeUnd des Geliebten Widerstand.

Sie ist allein; sein Bild betrachtendWächst wild die Gluth in ihrem Hirn,Und eine Wolke legt sich nachtendUm die gebieterische Stirn.Wohl eine Wolke, doch nicht solcheDie sich in Wehmuthsthränen löst,Nein, die des Zorns, die BlitzesdolcheIn des Verhaßten Seele stößt.Sie zürnt; und doch – ihr ist als riefeDie Hoffnung Muth in ihre Brust,Und aus des Auges dunkler TiefeBlickt mit dem Zorne dann – die Lust.

Noch hängt sie, vor Verlangen zitternd,An seinem Bild mit ganzem BlickDann aber, wie sich selbst verbitternd,Ruft sie: „welch arm – erträumtes Glück!Was soll dies kindische Betrachten,Und dies Bewundern Zug um Zug?Unwürdig mein und zu verachtenIst dieser schale Selbstbetrug.Ich will ihn selbst; mag leben – träumenEins sein in der Vergangenheit,So lang der Freude Becher schäumenFühlt man den Reiz der Wirklichkeit.Die sei’s!“

Und hinter Teppichwänden,Hervor aus wohlgeborgnem Schrank,Nimmt rasch sie den aus KupplerhändenHeut erst erkauften Liebestrank.Ihr Auge glüht; „nun denn Phiole,Wenn voll du jener Zaubermacht,Die selbst aus todtgebrannter KohleNoch neue Liebesflammen facht, –Dann wirst du den gebornen GluthenAnweisen auch den rechten Lauf,Und badend mich in FeuerfluthenGeht mir ein neues Leben auf.“

Sie spricht’s; – im Geiste weiter bauend,Das Fläschchen in gekrampfter Hand,Stutzt plötzlich sie, sich selbst erschauendGenüber in der Spielgelwand.Es ist als fasse sie ein StaunenVor ihrem eignen Ebenbild,Sie hört den Stolz im Busen raunen:„Du bist es, draus Dir Rettung quillt!“Sie hört’s, – hinklirrt das Glas in Scherben,„Fahr wohl! – Du kümmerlicher SaftSollst nicht um Herzen für mich werben,Und spotten meiner eignen Kraft.Traun, ob der alte HöllenmeisterAuch selber Dich bereitet hätt’,Ich biete Dir und ihm die Wett’;Nur fort der letzte Rest von Lüge,All Schein und Maske fahre hin,Sehn soll er meine wahren Züge,Und siegen werd’ ich, wie ich bin.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 209–218, 1. Auflage, Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst., Berlin, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Lady Essex“, Fassung 4.469.252 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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