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Versbuch

Sprüche

Theodor Fontane · 18191898

135 Zeilen in 42 Strophen · zuerst gedruckt 1905

1.

Nicht Glückes-bar sind Deine Lenze,Du forderst nur des Glücks zu viel;Gieb Deinem Wunsche Maaß und Grenze,Und Dir entgegen kommt das Ziel.

Wie dumpfes Unkraut laß vermodern,Was in Dir noch des Glaubens ist:Du hättest doppelt einzufodernDes Lebens Glück, weil Du es bist.

Das Glück, kein Reiter wird’s erjagen,Es ist nicht dort, es ist nicht hier;Lern’ überwinden, lern’ entsagen,Und ungeahnt erblüht es Dir.

2.

Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,Vor dem das Beste selbst zerfällt,Und wahre Dir den vollen GlaubenAn diese Welt trotz dieser Welt.

Schau hin auf eines Weibes Züge,Das lächelnd auf den Säugling blickt,Und fühl’s, es ist nicht alles Lüge,Was uns das Leben bringt und schickt.

Und Herze, willst du ganz genesen,Sei selber wahr, sei selber rein!Was wir in Welt und Menschen lesenIst nur der eigne Wiederschein.

3.

Sag an „es fällt von Deinem HaupteKein Haar, von welchem Gott nicht weiß“ –Und was der Tag uns Größres raubte,Das fiele nicht auf Sein Geheiß?!

Trag es, wenn seinen Schnee der WinterIn unser Hoffen niederstiebt,Ein ganzer Frühling lacht dahinter:Gott züchtigt immer, wen er liebt.

Laß in dem Leid, das Er beschieden,Den Keim uns künftgen Glückes schaun,Dann kam der Tag, wo Freud und FriedenIn unsrem Herzen Hütten baun.

4.

Es kann die Ehre dieser WeltDir keine Ehre geben,Was Dich in Wahrheit hebt und hältMuß in Dir selber leben.

Wenn’s Deinem Innersten gebrichtAn ächten Stolzes Stütze,Ob dann die Welt Dir Beifall sprichtIst all Dir wenig nütze.

Das flüchtge Lob, des Tages RuhmMagst Du dem Eitlen gönnen;Das aber sei Dein Heiligthum:Vor Dir bestehen können.

5.

Beutst Du dem Geiste seine Nahrung,So laß nicht darben Dein Gemüth,Des Lebens höchste OffenbarungDoch immer aus dem Herzen blüht.

Ein Gruß aus frischer Knabenkehle,Ja mehr noch, eines Kindes Lall’n,Kann leuchtender in Deine SeeleWie Weisheit aller Weisen fall’n.

Erst unter Kuß und Spiel und ScherzenErkennst Du ganz, was Leben heißt;O lerne denken mit dem Herzen,Und lerne fühlen mit dem Geist.

6.

Du wirst es nie zu Tüchtgem bringenBei Deines Grames Träumerein,Die Thränen lassen nichts gelingen,Wer schaffen will, muß fröhlich sein.

Wohl Keime wecken mag der Regen,Der in die Scholle niederbricht,Doch golden Korn und ErndtesegenReift nur heran bei Sonnenlicht.

7.

Tritt ein für Deines Herzens MeinungUnd fürchte nicht der Feinde Spott,Bekämpfe muthig die VerneinungSo Du den Glauben hast an Gott.

Wie Luther einst, in festem Sinnen,So sprich auch Du zu Gottes Ehr’:„Ich geh nach Worms, und ob da drinnenJedweder Stein ein Teufel wär’!“

Und peitscht Dich dann der Witz mit Ruthen,Und haßt man Dich, – o laß, o laß!Mehr noch als Liebe aller Guten,Gilt aller Bösen Hohn und Haß.

8.

Die Menschen lassen vieles gelten;Vor allem lieben sie Dich stumm:Doch willst Du klagen, willst Du schelten, –Auch das, man kümmert sich nicht drum.

Nur, willst Du rasch die Gunst verscherzen,So zeig’ ein Fünkchen Seligkeit, –Man wünscht Dir Glück „von ganzem Herzen“Und birst vor rückgestautem Neid.

9.

Es äfft Dich nur dies Rennen, TrabenNach golden mußevoller Zeit,Wenn Du die Ruhe glaubst zu haben,Dann eben ist sie doppelt weit.

Auf weichem Pfühl, auf sammtnen Kissen,Wenn Du sie hältst, wenn Du sie hast,Wirst Du die Holde mehr vermissen,Als in des Tages Druck und Last.

All Labsal, was uns hier beschieden,Fällt nur in Kampf und Streit uns zu,Nur in der Arbeit wohnt der FriedenUnd in der Mühe wohnt die Ruh.

10.

Man wird nicht besser mit den Jahren,Wie sollt’ es auch, man wird bequemUnd bringt, um sich die Reu zu sparenDie Fehler all in ein System.

Das giebt dann eine glatte Fläche,Man gleitet unbehindert fort,Und „allgemeine Menschenschwäche“Wird unser Trost- und Losungswort.

Die Fragen alle sind erledigt,Das eine geht, das andre nicht,Nur manchmal eine stumme PredigtHält uns der Kinder Angesicht.

11.

Du darfst mißmuthig nicht verzagen,In Liebe nicht noch im Gesang,Wenn mal ein allzu kühnes Wagen,Ein Wurf im Wettspiel Dir mißlang.

Wes Fuß wär’ niemals fehlgesprungen?Wer lief nicht irr’ auf seinem Lauf?Blick hin auf das, was Dir gelungen,Und richte so Dich wieder auf.

Vorüber ziehn die trüben Wetter,Es lacht aufs Neu der Sonne Glanz,Und ob verwehn die welken Blätter,Die frischen schlingen sich zum Kranz.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 26–31, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Sprüche (Fontane)“, Fassung 2.912.700 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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