Havelland
Theodor Fontane · 1819–1898
77 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1905
(Statt eines Vorwortes zu dem 3. Band „Wanderungen“ 1873.)
Grüß Gott Dich, Heimath! … Nach langem SäumenIn Deinem Schatten wieder zu träumen,Erfüllt in dieser MaienlustEine tiefe Sehnsucht mir die Brust.Ade nun, Bilder der letzten Jahre,Ihr Ufer der Somme, der Seine, Loire,Nach Krieges- und fremder Wässer Lauf,Nimm, heimische Havel, mich wieder auf.
Es spiegeln sich in Deinem StromeWahrzeichen, Burgen, Schlösser, Dome:Der Julius-Thurm', den Märchen und SagenBis Römerzeiten rückwärts tragen,Das Schildhorn', wo, bezwungen im Streite,Fürst Jazko dem Christengott sich weihte,Der Harlunger Berg', deß oberste StelleWeitschauend trug unsre erste Kapelle,Das Plauer Schloß', wo fröstelnd am MorgenHans Quitzow steckte, im Röhricht verborgen,Die Pfaueninsel', in deren DunkelRubinglas glühte Johannes Kunkel,Schloß Babelsberg und „Schlößchen Tegel“,Nymphäen, Schwäne, blinkende Segel, –Ob rothe Ziegel, ob steinernes Grau,Du verklärst es, Havel, in Deinem Blau.
Und schönest Du alles, was alte ZeitenUnd neue an Deinem Bande reihten,Wie schön erst, was fürsorglich längstMit liebendem Arme Du umfängst.Jetzt Wasser, drauf Elsenbüsche schwanken,Lücher, Brücher, Horste, Lanken,Nun kommt die Sonne, nun kommt der Mai,Mit der Wasser-Herrschaft ist es vorbei.Wo Sumpf und Lache jüngst gebrodelt,Ist alles in Teppich umgemodelt, –Ein Riesenteppich, blumengeziert,Viele Meilen im Geviert.Tausendschönchen, gelbe Ranunkel,Zittergräser, hell und dunkel,Und mitteninne (wie das lacht!)Des rothen Ampfers leuchtende Pracht.Ziehbrunnen über die Wiese zerstreut,Trog um Trog zu trinken beut,Und zwischen den Trögen und den Halmen,Unter nährendem Käuen und Zermalmen,Die stille Heerde; … das Glöcklein klingt,Ein Luftzug das Läuten herüberbringt.
Und an dieses Teppichs blühendem SaumDie lachenden Dörfer, ich zähle sie kaum:Linow, Lindow,Rhinow, Glindow,Beetz und Gatow,Dreetz und Flatow,Bamme, Damme, Kriele, Krielow,Petzow, Retzow, Ferch am Schwilow,Zachow, Wachow und Groß-Bähnitz,Marquardt an der stillen Schlänitz,Senzke, Lenzke und Marzahne,Lietzow, Tietzow und Rekahne,Und zum Schluß in dem leuchtenden Kranz:Ketzin, Ketzür und Vehlefanz.
Und an Deinen Ufern und an Deinen Seen,Was, stille Havel, sahst all Du geschehn?!Aus der Tiefe herauf die Unken klingen, –Hunderttausend Wenden hier untergingen;In Lüften ein Lärmen, ein Bellen und Jagen,„Das ist Waldemar,“ sie flüstern und sagen;Im Torfmoor, neben dem Cremmer-Damme,(Wo Hohenloh fiel) was will die Flamme?Ist’s blos ein Irrlicht? … Nun klärt sich das Wetter,Sonnenschein, Trompetengeschmetter,Derfflinger greift an, die Schweden fliehn,Grüß Gott Dich Tag von Fehrbellin'.
Grüß Gott Dich Tag, Du Preußen-Wiege,Geburtstag und Ahnherr unsrer Siege,Und Gruß Dir, wo die Wiege stand,Geliebte Heimath, Havelland!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 310–312, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Havelland (Fontane)“, Fassung 3.082.756 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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