Königin Eleonorens Beichte
Theodor Fontane · 1819–1898
80 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Todtkrank lag Königin Eleonor’,Sie wußte, daß schlecht es stünde:„Schickt mir zwei Mönche von Frankreich her,Daß ich beichte meine Sünde.“
Der König rief seine Haushalt-Lords,Seinen ersten und seinen zweiten:„„Ich will Leonorens Beichtiger sein,Lord Marschall, Du sollst mich begleiten.““
Lord Marschall erschrak und sank in die Knie:„Woll mir zuvor versprechen,Was auch die Königin beichten mag,An mir es nimmer zu rächen.“
„„Lord Marschall, steh auf, ich verpfände mein WortUnd ganz England zu meinen Füßen,Was auch die Königin beichten mag,Du sollst es nimmer büßen.
Wir legen an ein mönchisch Gewand; –In Kapuze und grauem Kleide,So kommen wir betend von Frankreich herUnd hören die Beichte beide.““
Sie legten an ein mönchisch Gewand,Als gen Whitehall sie schritten,Des Volkes Menge begleitete sieMit Kniefall und frommen Bitten.
Sie traten hin vor die KöniginUnd sprachen mit Händefalten:„Vergieb, es haben Wetter und WindUnsren Dienst zurückgehalten.“
„„Wenn ihr zwei Mönche von Frankreich seid,Kann ich euer Säumen nicht schelten;Wenn ihr zwei englische Mönche seid,Sollt ihr’s am Leben entgelten.““
„Wir sind zwei Mönche von Frankreich her,Drum beichte ohne Bangen,Wir haben noch keine Messe gehörtSeit wir zu Schiffe gegangen.“
„„Die erste Sünde, die ich beging,Hat andre groß gezogen,Lord Marschall hab’ ich zuvor geliebtUnd den König hab’ ich betrogen.““
„Eine schwere Sünde, ich löse sie dochIn Gottes und Christi Namen;“Der König spricht’s, Lord Marschall bebtUnd murmelt: Amen, Amen.
„„Die zweite Sünde, die ich beging,Die will ich zum andern bekennen,Ich mischt’ einen Trunk, der sollte mich raschVon König Heinrich trennen.““
„Eine schwere Sünde! ich löse sie dochIn Gottes und Christi Namen;“Der König spricht’s, Lord Marschall bebtUnd murmelt: Amen, Amen.
„„Die dritte Sünde, die ich beging,Die will zum dritten ich beichten,Meine Hände waren’s die Becher und GiftAn Rosamunden reichten.““
„Eine schwere Sünde! ich löse sie dochIn Gottes und Christi Namen;“Der König spricht’s, Lord Marschall bebtUnd murmelt: Amen, Amen.
„„Seht in der Halle den Knaben dort,Er spielt mit dem Federballe,Das ist Lord Marschalls ältester SohnUnd ich lieb ihn mehr als alle.
Und seht in der Halle den zweiten dort,Er hascht nach dem fliegenden Balle,Das ist König Heinrichs jüngster SohnUnd ich hass’ ihn mehr als alle.
Er hat einen Kopf wie ein Warwick-StierUnd ist täppisch wie ein Bär;““„Mag sein“, rief König Heinrich da,„Ich lieb ihn desto mehr.“
Abriß er Kapuze und Mönchsgewand,Sein Antlitz war blutroth,Leonore schrie auf und rang die Händ’, –Ihre Beichte war ihr Tod.
Der König über die Schulter sah,Vielgrimmig sah er drein:„Lord Marschall, wär’s nicht um mein Wort,Du solltest gehangen sein.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 393–395, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Königin Eleonorens Beichte“, Fassung 2.357.513 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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