Der Tag von Düppel
Theodor Fontane · 1819–1898
79 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Still!Vom achtzehnten AprilEin Lied ich singen will.Vom achtzehnten – alle Wetter ja,Das gab mal wieder ein Gloria!Ein „achzehnter“ war es, voll und ganz,Wie bei Fehrbellin und Belle-Alliance,April oder Juni ist all einerlei,Ein Sieg fällt immer in Monat Mai.
Um vier Uhr Morgens der Donner begann!In den Gräben standen sechstausend Mann,Und über sie hin sechs Stunden langNahmen die Kugeln ihren Gang.Da war es zehn Uhr. Nun Alles still,Durch die Reihen ging es: „Wie Gott will“,Und vorgebeugt zu Sturm und StoßBrach das Preußische Wetter los.
Sechs Colonnen. Ist das ein Tritt!Der Sturmmarsch flügelt ihren Schritt;Der Sturmmarsch, – ja tief in den TrancheenDreihundert Spielleut’ im Schlamme stehn.Eine Kugel schlägt ein, der Schlamm spritzt um,Alle Dreihundert werden stumm, –„Vorwärts“ donnert der Dirigent,Kapellmeister Piefke vom Leibregiment.Und „vorwärts“ spielt die MusicaUnd „vorwärts“ klingt der Preußen Hurrah;Sie fliegen über die Ebene hin,Wer sich besänne, hätt’s nicht Gewinn;Sie springen, sie klettern, ihr Schritt wird Lauf –Feldwebel Probst, er ist hinauf!
Er steht, der Erst auf dem Schanzenrück,Eine Kugel bricht ihm den Arm in Stück:Er nimmt die Fahn’ in die linke HandUnd stößt sie fest in Kies und Sand.Da trifft’s ihn zum Zweiten; er wankt, er fällt:„Leb wohl, o Braut, leb wohl, o Welt!“
Rache! – Sie haben sich festgesetzt,Der Däne wehrt sich bis zuletzt.Das macht, hier ficht ein junger Leu,Herr Leutnant Anker von Schanze zwei.Da donnert’s: „Ergieb Dich, tapfres Blut,Ich heiße Schneider, und damit gut!“Der Preußische Schneider, meiner Treu,Brach den Dänischen Anker entzwei.
Und weiter, – die Schanze hinein, hinausWeht der Sturm mit Saus und Braus,Die Stürmer von andern Schanzen herSchließen sich an, immer mehr, immer mehr,Sie fallen todt, sie fallen wund, –Ein Häuflein steht am Alsen-Sund.
Pallisaden starren die Stürmenden an,Sie stutzen; wer ist der rechte Mann?Da springt von achten einer vor:„Ich heiße Klinke, ich öffne das Thor!“Und er reißt von der Schulter den Pulversack,Schwamm drauf, als wär’s eine Pfeif Taback.Ein Blitz, ein Krach – der Weg ist frei, –Gott seiner Seele gnädig sei!Solchen Klinken für und fürOeffnet Gott selber die Himmelsthür.
Sieg donnert’s. Weinend die Sieger stehn.Da steigt es herauf aus dem Schlamm der Trancheen,Dreihundert sind es, dreihundert Mann,Wer anders als Piefke führet sie an?Sie spielen und blasen, das ist eine Lust,Mitjubeln die Nächsten aus voller Brust,Und das ganze Heer, es stimmt mit ein,Und darüber Lerchen und Sonnenschein.
Von Schanze eins bis Schanze sechsIst alles Deine, Wilhelmus Rex;Von Schanze eins bis Schanze zehn,König Wilhelm, Deine Banner wehn.Grüß Euch, Ihr Schanzen am Alsener Sund,Ihr machtet das Herz uns wieder gesund! –Und durch die Lande, drauß und daheim,Fliegt wieder hin ein süßer Reim:„Die Preußen sind die alten noch,Du Tag von Düppel lebe hoch!“ –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 288–290, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Tag von Düppel (Fontane)“, Fassung 1.734.076 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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