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Versbuch

Graf Hohenstein

Theodor Fontane · 18191898

82 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1851

1.

Der junge Graf von HohensteinWar sonst kein Waidgeselle,Was hält sein Roß tagaus, tageinJetzt an des Försters Schwelle?Er trägt kein Hüfthorn um den Leib, –Was will der Graf erjagen?Ihr müßt des Försters junges Weib,Die schöne Gertrud fragen.

Die schöne Gertrud horcht gespanntBei Dämmerschein, im Garten;Durch ihre Brust zieht, Hand in Hand,Ein Bangen und Erwarten;Da schallt ein Huf, der Hund schlägt an,Sie spricht: „Gott, hab Erbarmen!“Und eh sie weiter beten kann,Hält sie der Graf in Armen.

Er spricht: „nun halt’ es endlich mir,Was Du mir oft versprochen,Mir ist die Zeit seit Monden schierAuf Schnecken fortgekrochen;Sprich nicht, auf’s Neue, hin und herVon Schwur, Altar und Treue, –Die Treu’ ist eine alte Mähr’,Und Schwachheit ist die Reue.“

Er spricht’s, und als die Nacht erscheintDa hat das Spiel ein Ende,Fortjagt der Graf, Schön-Gertrud weint,Und ringt die sündgen Hände;Ihr Mann kehrt heim mit Gruß und Kuß,Wie Abschied er genommen,Sie heuchelt, weil sie heucheln muß,Und heißt ihn froh willkommen. –

Ein Jahr und wenig Tage sind’s,Der Graf zieht andre Fährte,Zur Taufe nur des Försterkinds‘nen Becher Wein er leerte.Der Wein war nüchtern wie die Leut’,Und konnt ihn wenig laben,Nur mocht an Försters Vaterfreud’Er seine Freude haben.

2.

Manch Jahr, in immer schnellrer Flucht,Ist hin in’s Land gegangen,Längst hält der Graf, in Sitt’ und Zucht,Ein jung Gemahl umfangen;In ihrem Aug’ ist andres nichtWie Lieb und Treu zu schauen,Doch keinem EngelsangesichtVermöcht er zu vertrauen.

Er schläft: – auffährt er aus dem Traum,Er bebt an Seel’ und Leibe,Todblaß, die Füße wollen kaum,Schleicht er zu seinem Weibe;Er lauscht, und als er vor ihr steht,Was hört er? seinen Namen;Ihr Träumen war ein fromm Gebet,Vernehmlich sprach sie: Amen!

Er reitet einsam in den Wald,Und sinnt, und – muß erbleichen:Er drückt dem Renner allsobaldDie Sporen in die Weichen,Er fliegt nach Haus, auf seinem Roß,Im Wettlauf mit dem Winde, –Und findet – spielend vor dem Schloß,Sein Weib mit seinem Kinde.

Oft läßt er selbst, auf seinen Knien,Den hübschen Blondkopf schaukeln,Bis plötzlich tolle Bilder ihn,Wie hergeweht, umgaukeln:Des Kindes Augen sind so blau,Und schwarz sind doch die seinen, –Er stößt es fort, und murmelt rauh:„Was kümmert mich sein Weinen?“

Einst als sein Roß, im Walde drausGar alten Weg genommen,Ist an des Försters stillem HausDer Graf vorbeigekommen;Er sprach: „die Treu ist keine Mähr’; –Ich hab ihr Band zerrissen,Nun treibt mich ruhelos umherEin strafendes Gewissen.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 131–136, 1. Auflage, Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst., Berlin, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Graf Hohenstein“, Fassung 3.027.507 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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