Der alte Dessauer
Theodor Fontane · 1819–1898
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Ich will ein Lied euch singen!Mein Held ist eigner Art:Ein Zopf vor allen Dingen,Dreimaster, Knebelbart,Blitzblank der Rock vom BürstenUnd jeder Knopf wie Gold, –Ihr merkt, es gilt dem Fürsten,Dem alten Leopold.
All’ Wissenschaft und DichtungSein Lebtag er vermied,Und sprach er je von „Richtung“,Meint’ er in Reih’ und Glied;Statt Opern aller ArtenHatt’ er nur einen Marsch,Und selbst mit SchriftgelahrtenVerfuhr er etwas barsch.
Nicht mocht’ er Phrasen thürmenVon Fortschritt, glatt und schön,Er wußte nur zu stürmenDie Kesselsdorfer Höh’n;Er hielt nicht viel vom Zweifel,Und wen’ger noch vom Spott,Er war ein dummer Teufel,Und glaubte noch an Gott.
Ja, ja, er war im LebenBeschränkt, wie man’s so heißt,Und soll ich Antwort geben,Warum mein Lied ihn preist?Nun denn, weil nie mit WortenEr seine Feinde fraß,Und weil ihm rechter OrtenSo Herz wie Galle saß.
Wir haben viel von NöthenTrotz allem guten Rath,Und sollten schier erröthenVor solchem Mann der That;Verschnittnes Haar im SchopfeMacht nicht allein den Mann, –Ich halt’ es mit dem Zopfe,Wenn solche Männer dran.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 257–258, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der alte Dessauer (Fontane)“, Fassung 1.661.101 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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