Jung-Walter
Theodor Fontane · 1819–1898
56 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Um Weihnacht war’s, der Wind blies kaltUnd die Tafelrunde begann,Da kam an den Hof des KönigsManch’ schottischer Rittersmann.
Der König und die KöniginSchauten nieder von ihrem Schloß:Da sahen sie kommen Jung-Walter,Jung-Walter hoch zu Roß.
Seine Läufer liefen vor ihm her,Seine Reiter folgten ihm dicht,Und sein Mantel wie von GoldeBlitzte im Sonnenlicht.
Und von Golde waren die DeckenUnd die Hufe von Silber hell,Und das Roß, auf dem Jung-Walter ritt,War wie der Wind so schnell.
Da sprach ein tückischer Höfling,Der neben der Königin stand:„Wer ist der schönste RitterIn Hoch- und Niederland?“
„„Ich habe gesehn viel Lords und Lairds,Manch schönen Ritters Gesicht,Einen schöneren als Jung-WalterSah’ ich mein Lebtag nicht.““
Das hörte der neidische König,Seine Wange verfärbte sich:„Und wär’ er zweimal schöner,Erst nennen mußtest Du mich.“
„„Du bist kein Lord und Du bist kein Laird,Du bist König über sie all’,Da ist kein Ritter in Schottland,Der nicht wäre Dein Vasall.““
Die Königin sprach es bang und blaß,Der König ward blutroth; –Jung-Walter, daß so schön Du bist,Das bringt Dir nun den Tod.
Sie haben ihn flugs ergriffen,Ihn sicher eingehegt,Sie haben Jung-Walter ergriffenUnd ihn in Ketten gelegt.
„Oft bin ich geritten durch StirlingBei Wetter und Regenguß,Nie bin ich geritten durch StirlingMit Ketten an Hand und Fuß.
Oft bin ich geritten durch StirlingBei Sturm und Windeswehn,Nie bin ich geritten durch Stirling,Um’s immer wieder zu sehn.“
Am Fuß des Hügels noch einmalSah er Wappen und Helm und Schwert,Am Fuß des Hügels noch einmalSah er Sattel und Zaum und Pferd.
Am Fuß des Hügels noch einmalSah er seine Lady schön; –Um das Wörtlein, das die Königin sprach,Mußt sie ihn sterben sehn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 384–386, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Jung-Walter“, Fassung 3.513.785 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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