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Versbuch

Fingerhütchen

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

140 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Liebe Kinder, wisst ihr, woFingerhut zu Hause?Tief im Thal von AcherlooHat er Herd und Klause;Aber schon in jungen TagenMuß er einen Höcker tragen,Geht er, wunderlicher nieWallte man auf Erden!Sitzt er, staunen Kinn und Knie,Daß sie Nachbarn werden.

Körbe flicht aus Binsen er,Früh und spät sich regend,Trägt sie zum Verkauf umherIn der ganzen Gegend,Und er gäbe sich zufrieden,Wär’ er nicht im Volk gemieden;Denn man zischelt mancherlei:Daß ein Hexenmeister,Daß er kräuterkundig seiUnd im Bund der Geister.

Solches ist die Wahrheit nicht,Ist ein leeres Meinen,Doch das Volk im DämmerlichtSchaudert vor dem Kleinen.So die Jungen wie die AltenWeichen aus dem Ungestalten –Doch vorüber wohlgemutAuf des Schusters RäppchenTrabt er. Blauer FingerhutNickt von seinem Käppchen.

Einmal geht er heim bei NachtNach des Tages Lasten,Hat den halben Weg gemacht,Darf ein bischen rasten,Setzt sich und den Korb daneben,Schimmernd hebt der Mond sich eben:Fingerhut ist gar nicht bang,Ihm ist gar nicht schaurig,Nur daß noch der Weg so lang,Macht den Kleinen traurig.

Etwas hört er klingen fein –Nicht mit rechten Dingen,Mitten aus dem grünen RainEin melodisch Singen:„Silberfähre, gleitest leise“ –Schon verstummt die kurze Weise.Fingerhütchen spähet scharfUnd kann nichts entdecken,Aber was er hören darf,Ist nicht zum Erschrecken.

Wieder hebt das Liedchen anUnter Busch und Hecken,Doch es bleibt der ReimgespanStets im Hügel stecken.„Silberfähre, gleitest leise“ –Wiederum verstummt die Weise.Lieblich ist, doch einerleiDer Gesang der Elfen,Fingerhütchen fällt es bei,Ihnen einzuhelfen.

Fingerhütchen lauert stillAuf der Töne Leiter,Wie das Liedchen enden willFührt er leicht es weiter:„Silberfähre, gleitest leise“– „Ohne Ruder, ohne Gleise.“Aus dem Hügel ruft’s empor:„Das ist dir gelungen!“Unterm Boden kommt hervorKleines Volk gesprungen.

„Fingerhütchen, Fingerhut,“Lärmt die tolle Runde,„Faß dir einen frischen Mut!Günstig ist die Stunde!Silberfähre, gleitest leiseOhne Ruder, ohne Gleise!Dieses hast du brav gemacht,Lernet es, ihr Sänger!Wie du es zu Stand gebracht,Hübscher ist’s und länger!

Zeig dich einmal, schöner Mann!Laß dich einmal sehen!Vorn zuerst und hinten dann!Laß dich einmal drehen!Weh! Was müssen wir erblicken!Fingerhütchen, welch ein Rücken!Auf der Schulter, liebe Zeit,Trägst du grause Bürde!Ohne hübsche LeiblichkeitWas ist Geisteswürde?

Eine ganze Stirne vollGlücklicher Gedanken,Unter einem Höcker sollLänger nicht sie schwanken!Strecket euch, verkrümmte Glieder!Garst’ger Buckel, purzle nieder!Fingerhut, nun bist du grad,Deines Fehls genesen!Heil zum schlanken Rückengrat!Heil zum neuen Wesen!“

Plötzlich steckt der ElfenchorWieder tief im Raine,Aus dem Hügelrund emporTönt’s im Mondenscheine:„Silberfähre, gleitest leiseOhne Ruder, ohne Gleise.“Fingerhütchen wird es satt,Wäre gern daheime,Er entschlummert laß und mattAn dem eignen Reime.

Schlummert eine ganze NachtAuf derselben Stelle,Wie er endlich auferwacht,Scheint die Sonne helle:Kühe weiden, Schafe grasenAuf des Elfenhügels Rasen.Fingerhut ist bald bekannt,Läßt die Blicke schweifen,Sachte dreht er dann die Hand,Hinter sich zu greifen.

Ist ihm Heil im Traum geschehn?Ist das Heil die Wahrheit?Wird das Elfenwort bestehnVor des Tages Klarheit?Und er tastet, tastet, tastet:Unbebürdet! Unbelastet!„Jetzt bin ich ein grader Mann!“Jauchzt er ohne Ende,Wie ein Hirschlein jagt er dannÜber Feld behende.

Fingerhut steht plötzlich still,Tastet leicht und leise,Ob er wieder wachsen will?Nein! in keiner Weise!Selig preist er Nacht und Stunde,Da er sang im Geisterbunde –Fingerhütchen wandelt schlank,Gleich als hätt’ er Flügel,Seit er schlummernd niedersankNachts am Elfenhügel.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Fingerhütchen“, Fassung 2.064.013 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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