Chevy-Chase oder die Jagd im Chevy-Forst
Theodor Fontane · 1819–1898
179 Zeilen in 47 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Gott schütz den König, unsern Herrn,Und unser Aller Leben;Im Chevy-Walde hat sich einstWehvolle Jagd begeben.
* * *
Graf Percy von Northumberland,Vor Thaue noch und TageZog aus er heut, mit Hund und Horn,Daß er den Hirsch erjage.
Er schwur es jüngst an heiliger Stätt– Sorglos um Groll und Knirschen –Er woll’ drei Sommertage langAuf schott’schem Boden pirschen.
Er woll’, was lebt im Chevy-Forst,Mit Speer und Pfeil erlegen.„Lord Douglas schütze, wenn er kann,Den Hirsch in den Gehegen.“
* * *
Lord Douglas der in Schottland lag,Als er das Wort vernommen,Dem Percy-Grafen schwur er daEin blutiges Willkommen;
Der aber ist im Walde schonMit fünfzehnhundert Mannen,Wohlausgesucht und wohlerprobtDen Bogen straff zu spannen.
Schon, von der Meute aufgeschreckt,Flieht, was die Schlucht geborgen;Ein Montag war’s, noch halbe Nacht,Es graute just im Morgen.
Und eh der Morgen kam, da lagHaufweis das Wild erschlagen,Doch rastlos, nach gethanem SchmausBegann ein neues Jagen.
Aufs Neu durch Schlucht und Dickicht hinStob Huf und Hund nach Beute,Und neuer Angstschrei mischte sichDem Lustgeheul der Meute.
Graf Percy nur war satt des SpielsMit Hirschen und mit Hinden,Er sprach: „Lord Douglas gab sein Wort,Hier soll’ ich heut ihn finden.
Bei Gott, nicht länger harrt’ ich sein,Dächt’ ich er könn’ es brechen.“Da that alsbald ein Ritter jungAlso zum Grafen sprechen:
„„Schau Herr, dort blitzt es durch den Wald,Das ist er mit den Seinen,Schau, wie im MittagssonnenglühnDie blanken Speere scheinen.
Zweitausend sind’s vom Lauf des Tweed,Aus Thälern und aus Glennen,Und der vorauf ist Douglas selbst,An Roß und Helm zu kennen.““
„… Nun denn wohlan!“ rief Percy da,„Dies Feld sei unsre Schranke,Noch schlüpfte keiner mir hindurch,Sei’s Schotte oder Franke.
Das ist der Hirsch, den ich gesucht,Nun lohnt es sich zu jagen,Es brennt mein Herz, Mann gegen Mann,Die Schlacht mit ihm zu schlagen.“
Lord Douglas hört’s und ruft ihm zu:„Da soll mich Gott verderben,So wahr ein Lord ich bin wie Du,Du oder ich muß sterben.
Doch hör mich, Percy, Schande wär’sUnd Schimpf an unsrem Leben,So vieler Mannen schuldlos Blut,Mit in den Kauf zu geben.
Es sei all’ unser Streit gelegtIn unsre beiden Speere …“„Verdammt sei der, rief Percy da,Der andren Sinnes wäre …“
Da trat ein Rittersmann herfür,Withrington hieß der Degen,Der sprach: „„Hier müßig zuzuschaun,Dran ist uns nicht gelegen.
Wir wollen nicht, dieweil ihr kämpft,Hier Psalm und Lieder singen,Und unsrem König Heinrich dannIn London Botschaft bringen.
Wohl seid ihr Lords und edle Herrn,Und wir nur Knapp und Ritter,Doch dächt ich traun, auch unser SchwertMacht Wunden oder Splitter.““
Da that alsbald all’ englisch VolkDen Eschenbogen biegen,Und achtzig Schotten sanken hinVon ihrer Pfeile Fliegen.
Lord Douglas aber, unbewegt,Sitzt fest im Eisenbügel,Und kehrt zu seinen Mannen jetztHoch auf des Waldes Hügel.
Schon stehn sie da, nach KriegesartGetheilt zu dreien Rotten,Und nieder wie ein Hagel jetztFährt Douglas mit den Schotten.
Das gab ein Stechen und ein Haun,Manch breite Wunde klaffte,Längst unser englisch BogenvolkNicht mehr den Bogen straffte.
O Christ, es war für Herz und SinnEin Leid, nicht auszusagen,Wie stöhnend da in Sand und BlutDie Menschenknäule lagen.
Und immer schwankte noch die Schlacht,Da endlich – mit Gestampfe –Ansprangen wie zwei Löwen jetztDie Führer selbst zum Kampfe.
Sie kämpften bis vernehmbar fastIhr Herz im Busen klopfte,Bis Blut und Schweiß von Brust und StirnWie Regen niedertropfte.
„Ergieb Dich, Percy,“ Douglas rief’s,„Ganz Schottland soll Dich preisen,Und König Jacob Ehr’ und GunstAm Throne Dir erweisen.“
Doch Percy stolz: „Da wollt’ ich eh’Wie Kraut am Sumpf verrotten,Mein Wort ist nein und dreimal neinGenüber jedem Schotten.“
Da kam ein Pfeil aus unsern ReihnVerräthrisch durch die Lüfte,Und bohrte tief in Douglas HerzDurch Rippe sich und Hüfte.
Er sank vom Roß, ein stiller Mann,Graf Percy sah ihn enden,Und faßte dann des Todten HandMit seinen beiden Händen.
„O Douglas,“ rief er, „solchen SiegsDess’ hat mein Herz nicht Labe,Hin gäb’ ich für Dein Leben jetztMein Land und meine Habe.“
Er sprach es kaum, da kam’s wie SturmDurch Freund und Feind gestoben,Den Leib zum Stoß weit vorgebeugtUnd hoch den Schild gehoben.
Wer ist’s? Sir Ralph Montgommery.Er sah den Douglas sinken,Nun soll auch Percy’s HelmbuschzierNicht länger drohn und winken.
Und schleudernd jetzt den wuchtgen SchaftMit Hasses Kraft und Schnelle,Durchfuhr die Lanze Percy’s LeibUm eine Weber-Elle.
Hin sank der ritterliche HeldAuf hufgestampfte Tenne,Schon aber griff ein BogenschützNach Köcher und nach Senne.
Er spannte straff des Bogens Seil,So straff, wie nie er’s spannte,Und drückte seinen längsten PfeilScharf an die Eschenkante.
Lang zielt’ er so, daß sichren FlugsDer Pfeil zum Herzen dringe,Und feucht vom Blut des Schotten jetztBebt in der Brust die Schwinge.
So fiel Sir Ralph MontgommeryUnd mit ihm sind gefallenAuf beiden Seiten männiglichDie Ritter und Vasallen.
Von zwanzighundert schott’schen Volks,Die Schild und Speer genommen,Kaum fünfundfünfzig, weh und wund,Sind norderwärts entkommen.
Und unser Volk, nicht siegesfrohTrug es den Sieg von dannen,Nur dreiundfünfzig kehrten heimVon fünfzehnhundert Mannen.
Die andern schliefen fest im WaldNach heißem Kampfgewühle,Und Nachtwind nur und MondenlichtGlitt über ihre Pfühle.
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Das war die Jagd im Chevy-Forst,Wo Herr und Hirsch gefallen.Gott schütz’ den König unsren HerrnUnd sei uns gnädig allen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 396–402, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Chevy-Chase oder Die Jagd im Chevy-Forst“, Fassung 1.765.718 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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