Chevy-Chase
Theodor Fontane · 1819–1898
195 Zeilen in 49 Strophen · zuerst gedruckt 1851
oderDie Jagd im Chevy-Forst.(Nach dem Alt-Englischen.)
Gott schütz’ den König, unsren Herrn,Und unser Aller Leben; – –Im Chevy-Walde hat sich einstWehvolle Jagd begeben. –
Graf Percy von Northumberland,Vor Thaue noch und TageZog aus er heut, mit Hund und Horn,Daß er den Hirsch erjage.
Er schwur es jüngst an heilger Stätt’– Sorglos um Groll und Knirschen, –Er woll drei Sommertage langAuf schottschem Boden pirschen.
Er woll, was lebt im Chevy-Forst,Mit Speer und Pfeil erlegen;„Lord Douglas schütze, wenn er kann,Den Hirsch in den Gehegen!“
Lord Douglas, der in Schottland lag,Als er das Wort vernommen,Dem Percy Grafen schwört er daEin blutiges Willkommen;
D e r aber ist im Walde schonMit fünfzehn hundert Mannen,Wohlausgesucht und wohlgeprobtDen Bogen straff zu spannen.
Schon, von der Meute aufgeschreckt,Flieht, was die Schlucht geborgen;Ein Montag war’s, – noch halbe Nacht, –Es graute just im Morgen.
Und eh’ der Mittag kam, da lagHaufweis das Wild erschlagen;Doch rastlos, nach gethanem Schmaus,Begann ein neues Jagen.
Auf’s neu durch Schlucht und Dickicht hinStob Huf und Hund nach Beute,Und neuer Angstschrei mischte sichDem Lustgeheul der Meute.
Graf Percy nur war satt des SpielsMit Hirschen und mit Hinden,Er sprach: „Lord Douglas gab sein Wort,Hier soll ich heut ihn finden.
„Bei Gott, nicht länger harrt’ ich sein,Dächt’ ich, er könn’ es brechen“;Da thät alsbald ein Ritter jungAlso zum Grafen sprechen:
„Schau Herr, dort blitzt es durch den Wald,Das ist er mit den Seinen;Schau, wie im MittagssonnenglühnDie blanken Speere scheinen.
„Zweitausend sind’s vom Lauf des Tweed,Aus Thälern und aus Glennen,Und der vorauf ist Douglas selbstAn Roß und Helm zu kennen.“
„Nun denn, wohlan!“ rief Percy da,„Dies Feld sei unsre Schranke,Noch schlüpfte keiner mir hindurch,Sei’s Schotte oder Franke.
„Das ist der Hirsch, den ich gesucht,Nun lohnt es sich zu jagen,Es brennt mein Herz Mann gegen MannMit ihm die Schlacht zu schlagen.“
Lord Douglas auf milchweißem Roß,Hält hoch vor den Genossen,Hell glänzt die Eisenrüstung, wieVon Golde übergossen;
Er ruft: „wer seid ihr, die ihr’s wagtMir Hirsch und Reh zu tödten,Und meines Wortes bar und blosDen Forst mit Blut zu röthen!“
Drauf Percy schnell: „ein andermalAuf weß Geheiß wir jagen,Heut denken wir noch manchen HirschTrotz Deiner zu erschlagen.“
Lord Douglas hört’s, er ruft in Wuth:„Da soll mich Gott verderben!So wahr ein Lord ich bin, wie Du,Du oder ich muß sterben.“
„Doch hör’ mich Percy, Schande wär’sUnd Schimpf an unsrem Leben,So vieler Mannen schuldlos BlutMit in den Kauf zu geben;
„Es sei all unser Streit gelegtIn unsre beiden Speere!“„Verdammt sei der – rief Percy da –„Der andren Sinnes wäre.“
Da trat ein Rittersmann herfür,With’rington hieß der Degen,Der sprach: „hier müßig zuzuschaun,Dran ist uns nicht gelegen.
„Wir wollen nicht, dieweil ihr kämpft,Hier Psalm und Lieder singen,Und unsrem König Heinrich dannSo saubre Botschaft bringen.
„Wohl seid ihr Lords und edle Herrn,Und wir nur Knapp und Ritter,Doch dächt’ ich traun, auch unser SchwertMacht Wunden wohl und Splitter!“
Da thät alsbald all englisch VolkDen Eschenbogen biegen,Und achtzig Schotten sanken hinVon ihrer Pfeile Fliegen.
Lord Douglas aber, unbewegt,Sitzt fest im EisenbügelUnd kehrt zu seinen Mannen jetzt,Hoch auf des Waldes Hügel.
Schon stehn sie da, nach Kriegesart,Getheilt zu dreien Rotten,Und nieder wie ein Hagel jetztFährt Douglas mit den Schotten.
Das gab ein Stechen und ein Haun,Manch’ breite Wunde klaffte;Längst unser englisch BogenvolkNicht mehr die Senne straffte.
Sie warfen Pfeil und Esche fort,Und griffen nach dem Eisen,Das spielte jetzt auf Helm und SchildTakthämmernd seine Weisen.
O Christ, es war für Herz und SinnEin Leid nicht auszusagen,Wie stöhnend da, in Sand und BlutDie Menschenknäule lagen.
Und immer schwankte noch die Schlacht; –Da endlich, – mit Gestampfe, –Ansprangen, wie zwei Löwen, jetztDie Führer selbst zum Kampfe.
Sie kämpften bis vernehmbar fastIhr Herz im Busen klopfte,Bis Blut und Schweiß, von Brust und StirnWie Regen niedertropfte;
„Ergieb Dich Percy!“ Douglas rief’s –„Ganz Schottland soll Dich preisen,Und König Jakob Ehr’ und RuhmAm Throne Dir erweisen.“
Doch Percy stolz: „Da wollt’ ich eh’Wie Kraut am Sumpf verrotten;Mein Wort ist „nein“, und doppelt „nein“Genüber jedem Schotten.
Da kam ein Pfeil, aus unsren Reihn,Verräthrisch durch die Lüfte,Und bohrte tief in Douglas HerzDurch Rippe sich und Hüfte.
Er sank vom Roß, ein stiller Mann,Graf Percy sah ihn enden,Und fasste dann des Todten HandMit seinen beiden Händen.
„O Douglas“, rief er, – „solchen SiegsDes hat mein Herz nicht Labe,Hin gäb’ ich für dein Leben jetztMein Land und meine Habe.“
Er sprach es kaum, da kam’s wie Sturm,Durch Freund und Feind gestoben,Den Leib zum Stoß weit vorgebeugt,Und hoch den Schild gehoben: –
Wer ist’s? Sir Ralph Montgommeri!Er sah den Douglas sinken;Da schwur er still, Graf Percy’s BlutMit seinem Speer zu trinken.
Und schleudernd jetzt den wuchtgen SchaftMit Hasses Kraft und Schnelle,Durchfuhr die Lanze Percy’s LeibUm eine Weber-Elle.
Hin sank der ritterlichste HeldAuf hufgestampfte Tenne;Schon aber griff ein braver SchützNach Köcher und nach Senne.
Er spannte straff des Bogens Seil,So straff wie nie er’s spannte,Und drückte seinen längsten PfeilScharf an die Eschenkante.
Lang zielt’ er so, daß sichren FlugsDer Pfeil zum Herzen dringe,Und feucht vom Blut des Schotten jetztBebt in der Brust die Schwinge.
So fiel Sir Ralph Montgommeri,Und mit ihm sind gefallenAuf beiden Seiten männiglichDie Ritter und Vasallen.
Von zwanzig hundert schottschen VolksDie Schild und Speer genommen,Kaum fünf und funfzig, weh und wundSind in ihr Land entkommen.
Und unser Volk, nicht siegesfrohTrug es den Sieg von dannen,Nur drei und funfzig kehrten heimVon funfzehn hundert Mannen.
Die andern schliefen fest im WaldNach heißem Kampfgewühle;Und Nachtwind nur und MondenlichtGlitt über ihre Pfühle.
Das war die Jagd von Chevy-Chase,Wo Herr und Hirsch gefallen; –Gott schütz’ den König unsren HerrnUnd sei uns gnädig allen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 163–175, 1. Auflage, Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst., Berlin, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Chevy-Chase“, Fassung 3.027.241 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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