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Versbuch

John Gilpin

Theodor Fontane · 18191898

209 Zeilen in 53 Strophen · zuerst gedruckt 1905

(Nach William Cowper.)

John Gilpin hat ein TuchgeschäftNicht weit von Leicester-Square,Auch war er Hauptmann der MilizIn Londons Bürgerwehr.

Und Gilpin hat ein edles Weib;Sie sprach: „Mein theurer John,Wir sahen keinen FeiertagDie zwanzig Jahre schon.

Drum, heut an unserm HochzeitstagDächt’ ich, Mann meiner Wahl,Kutschirten wir nach Islington,Ins frische Grün einmal.

Fünf unsrer Kleinen nehm’ ich mit,Sie wiegen ja nicht schwer,Und haben Platz; – Du steigst zu Roß,Und reitest hinterher.“

John Gilpin sprach: „„Ich ehrte stetsDas weibliche Geschlecht,Doch dreimal ehr’ ich Dich, o Weib,Drum ist mir Alles recht.

Auch schafft mein blühend TuchgeschäftLeicht meinem Wunsch Gehör,Und seinen Braunen leiht mir gernMein Freund, der Appreteur.““

Sprach Mistreß Gilpin: „John, noch eins,Wie ist es mit dem Wein?Ich denk’ wir nehmen welchen mit,Es dürfte bill’ger sein.“

John Gilpin küßt sein treues Weib,Er weinte auf ein Haar,Daß Mistreß, trotz Vergnügungssucht,Doch noch so sparsam war.

Der Wagen kam, doch hielt er nichtVor Gilpins eignem Haus,Sie waren all’ in Sorg’ und FurchtHochmüthig säh das aus.

Drei Häuser abwärts stieg man ein,Die Küchlein und das Huhn,Und durch die City-Straßen hinGing es im Trabe nun.

Die Peitsche pfiff, aufschlug der Huf,Daß Alles klang und scholl,Und Rad und Steine lärmten schier,Als wären beide toll.

John Gilpin hatte sich indeßAls Reiter schon gezeigt,Und lang geschwankt, ob rechts ob linksMan in den Bügel steigt.

Jetzt aber sitzt er sattelfest; –Er will davon im Nu,Da steuern seiner Kunden dreiGrad auf den Laden zu.

John Gilpin denkt: „„Verlust an Zeit,Ich schätz’ ihn nicht gering,Doch traun, Verlust an Gut und GeldIst noch ein übler Ding.““

Schnell springt er ab. – Noch steht und schwanktDer Handel mit den Drei’n,Da stürzt ihm Betty in den Weg:„Hier, Herr, ist noch der Wein!“

„„Gut““ – spricht er – „„doch nun bring’ mir auchDas Lederfutteral,Darinnen bei Paraden stecktMein fleckenloser Stahl.““

John Gilpin nahm die Flaschen beid’,Sie waren voll Likör,Und hatten oben an dem HalsEin weißes Henkelöhr.

Durch beide zog er jetzt hindurchDie Scheide seines Schwert’s –Sie hingen wie Pistolen schier,Am Sattel seines Pferd’s.

Dann schlug er um die Schultern sichDen Mantel schwarz und roth,Als zög’ er in die RitterschlachtZum Siege oder Tod. –

Die Stadt hindurch, auf hartem Stein,Da schien der Renner faul;John Gilpin sprach: „„O schäme Dich,Bist Du ein Karrengaul?““

Doch plötzlich, draußen vor dem Thor,Verging ihm aller Spott,Der Braune schnob und wieherteUnd setzte sich in Trott.

„„Still, still, mein Thierchen,““ ächzte John,„„So wirf mich doch nicht ab!““Doch, wie er auch am Zügel riß,Galopp ward aus dem Trab.

Und auf und nieder, her und hin,Flog unser armer Tropf,Bald hielt er an der Mähne sich,Und bald am Sattelknopf.

Das arme Pferd, das immer sonstGelenkt von sichrer Hand,Es kam bei Gilpins ReitereiZuletzt um den Verstand.

Und wie vom Teufel angeschürt,Durch ging es voller Wuth;Abriß ein Baum von Gilpins KopfPerrücke, Zopf und Hut.

Scharf blies der Ost; noch flaggte buntDes Mantels weiter Schooß, –Jetzt aber ging er in die Welt,Die Knöpfe ließen los.

Die Hunde bellten Dorf um Dorf,Die Kinder lärmten mit,Und alles schrie: „das nenn’ ich brav,Das nenn’ ich einen Ritt!“

Die Nachbarweiber klatschten sichBereits die Mäuler wund;Die eine wußt’ es ganz genau:Es gelte tausend Pfund.

Die Zolleinnehmer hielten’s auchFür Wetteritt und LaufUnd rissen mit geschäftger HandDie Gitterthore auf.

John Gilpin schlüpfte heil hindurch,Nicht so das Flaschenpaar,Die eine ließ den Kork zurück,Den Hals die andre gar.

Hin troff der röthliche Likör,Man dacht’, es wäre Blut,Und murrend klang es hie und da:„Der spornt auch allzu gut!“

Jetzt aber in Klein-IslingtonHinein sprengt unser John;Es harrte schon, mit Gruß und Kuß,Die Gattin am Balkon.

Sie ruft ihm zu: „Halt, Gilpin, halt!Wo willst Du hin? so sprich!Die Kinder haben Hunger schonUnd weinen bitterlich.“

John Gilpin hört’s; in tiefem SchmerzFleht er den Braunen: steh!Doch ach der Braune hat kein HerzFür eines Vaters Weh.

Zwei Meilen hinter IslingtonDa liegt ein zierlich Haus,John Gilpin’s Freund, der Appreteur,Zog Sommers da hinaus.

Der Braune machte oft den WegUnd wiehernd jetzt am ZaunRuft er den Herrn, der aber willKaum seinen Augen traun.

„He, Gilpin, he! was ist geschehn?Was kommt Ihr überhaupt?Und wenn Ihr kommt, warum beschmutzt,Barhäuptig und bestaubt?“

John Gilpin drauf: „„was ich hier soll,Das frage dieses Thier;Wir ritten scharf, Perrück und HutSind darum noch nicht hier.““

Laut lachte da der alte Freund,Es war ein lust’ges Blut, –Er nahm sich die Perrück vom Kopf,Und sprach in frohem Muth:

„Nimm hin! Du starrst von Staub und Schmutz,Drum scheint sie noch zu klein,Doch wasch’ nur erst die Kruste ab,So wird sie passend sein.“

John Gilpin nahm und dankte vielUnd sprach zum Pferde dann:„„He Freund, ich hab’ für Dich gethan,Was man nur thuen kann.

Du wolltest her zu Deinem Herrn,Ich ehrte diesen Trieb,Nun aber trag’ auch mich zurückZu meinem treuen Lieb.““

Er sprach es kaum, da kreischte lautEin Esel hinterm Heck,Und Roß und Reiter zitterte,So packte sie der Schreck.

Wie wenn ein Löwe wo gebrüllt,So griff der Renner aus; –Auftauchte bald Klein-Islington,Samt seinem Kaffeehaus.

Die Gattin harrte immer nochDes Gatten am Balkon,Jetzt sah sie ihn, und wandte sichZum Schwager Postillon:

„Sieh, diese halbe Kron ist Dein,Mein wackerer Gesell,Schaffst Du mir meinen EhemannLebendig hier zur Stell.“

Der Postillon, der war nicht faul,Auszog er auf den Fang,Und hakte bald nach Mann und Roß,Mit Zügel und mit Strang.

Dem Braunen aber däucht es schierAls wär’s ein Peitschenhieb,Er lief, daß selbst der PostillonIm Hintertreffen blieb.

Sechs Reiter kamen just des Wegs,Die sahen Gilpin’s Flucht,Und wie der Postillon umsonstIhn einzuholen sucht.

Sie jagten mit, und schrieen laut:„Halt’t ihn! ein Dieb! ein Dieb!“John Gilpin aber unverkürzt,Des Tages Sieger blieb.

Und wie ein Jockey bester Art, –Mit Weste, Stulp und Kapp, –Erst wo er aufgestiegen war,Da stieg er wieder ab.

Und nun zum Schluß: dem König Heil,Und Heil! John Gilpin, Dir,Und setzst Du wieder Dich zu Roß,So bitt’ ich, sag’ es mir.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 433–440, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „John Gilpin (Fontane, 1905)“, Fassung 1.765.957 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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