An Wilhelm Krause
Theodor Fontane · 1819–1898
46 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1905
(Gest. zu Malaga 1842.)
Zwei Jahre kaum, als heitre Träume scheuchtenDer Sorgen dunklen Schwarm aus Deiner Brust;Du riefst: „Ade!“ ich sah Dein Auge leuchten,Und fühlte Thränen doch das meine feuchten,Ich war der ew’gen Trennung mir bewußt.Mein armer Wilm, das Roth auf Deinen WangenEs war das Roth des frischen Lebens nicht,Der Tod nur, sichrer Dich ins Netz zu fangen,Ließ Rosen blühn auf Deinem Angesicht.
Ich sah ihn längst Dich Schritt vor Schritt bewachenGleich einem Schatten Dir zur Seite gehn,Behende sprang er mit Dir in den Nachen,Und immer schien er höhnisch nur zu lachen,So oft Du riefst: „auf fröhlich Wiedersehn!“Auf Wiedersehn! wann, Freund? statt HerzensfriedenHat ew’ge Ruh die Ferne Dir geschenkt,Und in die Gruft, die Deinem Schmerz beschieden,Hat man dich selber nun hinabgesenkt.
Schön ist das Leben! ach, man lernt es liebenRecht innig erst, wenn man es meiden soll,Doch in die weite Welt hinausgetrieben,Wo fremd wie wir auch unser Herz geblieben,Da wird der Tod uns doppelt qualenvoll.Auf welcher Wange sahst Du Thränen glänzen?Wer hat Dein brechend Auge zugedrückt?Mein armer Wilm, mit ImmortellenkränzenHat flücht’ges Mitleid nur Dein Grab geschmückt.
Was half es Dir, daß schöner dort die RosenUnd goldner selbst des Himmels Sterne glühn?Nun gilt es gleich – ob rauhe Stürme tosen,Ob linde Weste mit den Blumen kosen,Mit Blumen, Freund, die Deinem Grab entblühn.Du ruhtest besser wohl am heim’schen Strande,Im Dünensand, wo Du zu ruhn geglaubt:Ein Kuß der Liebe hätt’ im VaterlandeDem Tode seinen Stachel noch geraubt.
Doch jetzt, wo Du den bittren Kampf bestandenJetzt ruf ich: „Freund, wohl Dir! es ist vorbei.“Schön ist das Leben, doch von tausend Banden,Ob in der Heimath, ob in fremden Landen,Macht erst der Tod die Menschenseele frei.Mir löst die Pflicht, ein strenger Kerkermeister,Die Fessel nie, gleichviel ob Tag ob Nacht,Und selbst von Deinem Grabeshügel reißt erMich unerbittlich, wenn der Tag erwacht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 323–324, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An Wilhelm Krause (Fontane)“, Fassung 1.733.871 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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