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Versbuch

Arm oder reich.

Theodor Fontane · 18191898

54 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1905

„Sagen Sie, sind Sie dem lieben GoldIn der That so wenig hold,Blicken Sie wirklich, fast stolz, auf die HüterAller möglichen irdischen Güter,Ist der Kohinoor, dieser „Berg des Lichts“,Ihnen allen Ernstes nichts?“

So stellen zu Zeiten die Fragen sich einUnd ich sage dann „ja“ und sag’ auch „nein“.

Wie meistens hierlandes die Dinge liegen,Bei dem Spatzenflug den unsre Adler fliegen(Nicht viel höher als ein Scheunenthor)Zieh’ ich das Armsein entschieden vor.

Dies Armsein ist mir schon deshalb genehmer,Weil für den Alltag um vieles bequemer.Von Vettern und VerwandtenhaufenWerd’ ich nie und nimmer belaufen,Es giebt – und dafür will Dank ich zollen –Keine Menschen, die irgend was von mir wollen,Ich höre nur selten der Glocke Ton,Keiner ruft mich an’s Telephon,Ich kenne kein Hasten und kenne kein StrebenUnd kann jeden Tag mir selber leben.

Und doch, wenn ich irgend etwas geschrieben,Das, weil niemand es will, mir liegen geblieben,Oder wenn ich Druckfehler ausgereutet,Da weiß ich recht wohl, was Geld bedeutet,Und wenn man trotzdem, zu dieser Frist,Den Respekt vor dem Gelde bei mir vermißt,So liegt das daran ganz allein:Ich finde die Summen hier immer zu klein.

Was, um mich herum hier, mit Golde sich ziert,Ist meistens derartig, daß mich’s geniert;Der Grünkramhändler, der Weißbierbudiker,Der Tantenbecourer, der Erbschaftsschlieker,Der Züchter von Southdownhammelheerden,Hoppegartenbarone mit Rennstallpferden,Wuchrer, hochfahrend und unterthänig –Sie haben mir alle viel viel zu wenig.

Mein Intresse für Gold und derlei StoffBeginnt erst beim Fürsten Demidoff,Bei Yussupoff und bei Dolgorucky,Bei Sclavenhaltern aus Süd-Kentucky,Bei Mackay und Gould, bei Bennet und Astor,– Hierlandes schmeckt alles nach Hungerpastor –Erst in der Höhe von Van der BiltSeh’ ich mein Ideal gestillt:Der Nil müßte durch ein Nil-Reich laufen,China würd’ ich meistbietend verkaufen,Einen Groß-Admiral würd’ ich morgen ernennen,Der müßte die englische Flotte verbrennen,Auf daß, Gott segne seine Hände,Das Kattun-Christenthum aus der Welt verschwände.So reich sein, das könnte mich verlocken –Sonst bin ich für Brot in die Suppe brocken.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 82–84, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Arm oder reich“, Fassung 1.560.277 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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