Am Jahrestag
Theodor Fontane · 1819–1898
25 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1905
(27. September 1888.)
Heut ist’s ein Jahr, daß man hinaus Dich trug,Hin durch die Gasse ging der lange Zug,Die Sonne schien, es schwiegen Hast und Lärmen,Die Tauben stiegen auf in ganzen Schwärmen.Und rings der Felder herbstlich buntes Kleid,Es nahm dem Trauerzuge fast sein Leid,Ein Flüstern klang mit ein in den Choral,Nun aber schwieg’s, – wir hielten am Portal.
Der Zug bog ein, da war das frische Grab,Wir nächsten Beide sahen still hinab,Der Geistliche, des Tages letztes LichtUmleuchtete sein freundlich ernst Gesicht,Und als er nun die Abschiedsworte sprach,Da sank der Sarg und Blumen fielen nach,Spätrosen, roth und weiße, weiße MalvenUnd mit den Blumen fielen die drei Salven.
Das klang so frisch in unser Ohr und Herz,Hinschwand das Leid uns, aller Gram und Schmerz,Das Leben, war Dir’s wenig, war Dir’s viel?Ich weiß das Eine nur, Du bist am Ziel,In Blumen durftest Du gebettet werden,Du hast die Ruh nun, Erde wird zu Erden,Und kommt die Stund’ uns, Dir uns anzureihn,So laß die Stunde, Gott, wie diese sein.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 48-49, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Am Jahrestag“, Fassung 1.587.445 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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