Venedig
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
24 Zeilen · zuerst gedruckt 1882
Venedig, einen Winter lebt’ ich dort –Paläste, Brücken, der Lagune Duft!Doch hier im harten Licht der GegenwartVerdämmert mälig mir die Märchenwelt.Vielleicht vergaß ich einen Tizian.Ein Frevel! Jenen doch vergaß ich nicht,Wo über einem Sturm von Armen sichDie Jungfrau feurig in die Himmel hebt,So wenig als den andern Tizian –Doch kein gemalter war’s – die Wirklichkeit:Am Quai, dem nächt’gen, der Slavonen war’s.Im Dunkel stand ich. Fenster schimmerten.Zwei dürft’ge Frauen kamen hergerannt.Hart an die Scheibe preßt’ das junge WeibDie bleiche Stirn. Was drinnen sie erblickt,Das sie erstarren machte, weiß ich nicht.(Vielleicht den Herzgeliebten, welcher sieAn eines andern Weibes Brust verrieth.)Ich aber sah den feinsten MädchenkopfVom Tod entfärbt! Ein Antlitz voller Tod!Die Mutter führte weg die Schwankende . . .Die beiden Tiziane blieben mirStets gegenwärtig; löschen sie, so lischtDie Göttin vor dem armend Menschenkind.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 120, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Venedig (Meyer)“, Fassung 2.086.372 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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