An Emilie
Theodor Fontane · 1819–1898
32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1851
Da draußen schneit es: SchneegeflimmerWies heute mir den Weg zu Dir;Eintret’ ich in Dein traulich Zimmer,Und warm an’s Herze fliegst Du mir –Abschüttl’ ich jetzt die Winterflocken,Abschüttl’ ich hinterdrein die Welt, –Nur leise noch von SchlittenglockenEin ferner Klang herübergellt.
Nun ist es still; nun laß uns kosen:Du legst Dein Haupt auf meinen Schooß,Ich aber knüpf’ in leichtem, losenGetändel Dir die Flechten los.Du zürnst; warum? Du glaubst zu müssen,Und schwörst: „nie wieder einen Kuß!“Da weiß ich, daß ich rasch mit KüssenDie krause Stirn Dir glätten muß.
„Nun aber komm, nun laß uns plaudernVom eignen Herd, von Hof und Haus!“Da baust Du lachend, ohne Zaudern,Bis unter’s Dach die Zukunft aus;Du hängst an meines Zimmers WändeAll meine Lieblingsschilderein, –Ich seh’s und streck danach die Hände,Als müss’ es wahr und wirklich sein.
So flieht des Abends schöne Stunde,Vom fernen Thurm tönt’s Mitternacht,Die Mutter schläft, in stiller RundeNur noch die Wanduhr pickt und wacht.„Ade, mein Lieb!“ von warmen LippenEin Kuß noch, – dann in Nacht hinein:„Das Leben lacht, trotz Sturm und Klippen,Nur Steurer muß die Liebe sein.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 235–237, 1. Auflage, Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst., Berlin, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An Emilie“, Fassung 3.027.459 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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