Erholung
Frank Wedekind · 1864–1918
30 Zeilen · zuerst gedruckt 1905
Sieh, wie die Erde wackelt,Wie alles niederstürzt,Die Sonne ängstlich fackeltUnd ihre Flammen kürzt,Wenn ich dich halte Brust an BrustUnd du mit scharfen ZähnenVerbissen dich in wilder LustIn meine glüh’nden Venen.Es wogt dein Leib, es dröhnt dein Herz,Dein Odem züngelt höllenwärts,Und aus der Tiefe steigenMiasmen freud- und leidenschwer;Dein Kichern tanzt darüber herDen fahlen Elfenreigen.Und zuckt die Flamme übers Haus,Wie sinkt das All in Nacht und Graus;Der Himmelslichter Glanz verblich,Die Stürme heulen fürchterlich,Es schmettern die Posaunen.Die Jugend reißt die Ohren auf,Das Alter hemmt den Tageslauf;Sie schaudern und erstaunen.Der Sieger nimmt ein Bad und blicktVerächtlich nach dem Pfühle,Die Seele frei, der Leib erquicktVon frischer Morgenkühle.Die ganze Welt ist Jubelsang,Die Sonne lacht den Wald entlang;Dann lacht auch der VerächterSein gellend Hohngelächter.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Erholung“, Fassung 3.780.067 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.
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