Eherne Maiglocken
Rudolf Lavant · 1844–1915
36 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1965
Wir fordern nicht bloß den Achtstundentag,der kommen wird, wann er auch kommen mag,ob willig nun, ob murrend nur beschieden:Von Millionen rollt am Ersten Maiempor zum Himmel der Erlösungsschreinach Völkerfreiheit und nach Völkerfrieden.
Ein Bild des Wahnsinns bietet sich uns jetzt:Ein Volk aufs andere rücksichtslos gehetzt,Erdteil auf Erdteil, Rasse wider Rasse.Vergessen ist, was einigt und versöhnt,Und an der Wende des Jahrhunderts fröntder Herrschsucht man, der Habgier und dem Hasse.
Und dabei rufen sie – es klingt wie Spott! –Allah und Wischnu und den Christengottinbrünstig an mit jedem Tag der Weihe,daß er entsende seiner Engel Schwarm,daß er den starken, den Zerschmettrerarmdem blutgen Siege und der Plündrung leihe!
Solang sich diesem grauenhaften Banndie Menschheit nicht entschwinden will noch kann,sind wir ein Haufe von Verbrechergilden,von zügellosen Räuberbanden nur;wir haben keinen Anspruch auf Kultur,und besser sind und höher stehn die Wilden.
So kann’s nicht bleiben, doch von wannen kommtdie Hilfe einst, die Rettung, die uns frommt,wer bricht den Bann der Habgier und des Bösen?Das Volk allein, das alle Opfer bringt,das Volk allein, das blutet, darbt und ringt,wird von dem finster Unsinn uns erlösen.
Wenn erst das Volk, das ihr so lange zwangt,zum Vollbewußtsein seiner Kraft gelangtund seiner Sendung – wer will widerstehen?Laut wird die Tiefe, die so lange schwieg,wir aber wollen diesen Zukunftssiegim voraus schon am Ersten Mai begehen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Rudolf Lavant Gedichte, 3. Auflage, Akademie Verlag, Berlin, 1965
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Eherne Maiglocken“, Fassung 3.492.468 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.