Und dennoch!
Richard Dehmel · 1863–1920
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Und bist vom auserwählten Stammund liebst dein Volk und uralt Blut,und fast wie Haß ist deine Glutfür deinen schwer gequälten Stamm;
und träumst von euerm Sinaiund der nur Euren Himmelsnäh’,und stehst wie Mose vor Jahwähund stehst und schwörst: ich wanke nie.
Und dennoch kam in deinen Munddas Wort, das einst am Jordan klang;da rang ein Mensch mit sich – und rangsich weinend los vom alten Bund
und sprach, indeß sein blutend Herzaus Schauern schwer gen Himmel stieg:Nur dein Entsagen ist dein Sieg,und eins und gleich ist Aller Schmerz.
Wie kam es doch, das Wort der Qual,des Menschensohnes Siegesnot,auf Deine Zunge – sein Gebot:„Sei stark, zerbrich den Trieb der Wahl!“
und liebst ein auserwähltes Volkund fast wie Haß ist deine Glut?!Und siehe, um dich rauscht Ein Blut:der Menschen schwer gequältes Volk ...
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Und dennoch!“, Fassung 1.479.433 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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