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Versbuch

Zu Gott

Richard Dehmel · 18631920

151 Zeilen in 31 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Nach Paul Verlaine.

I.

Mein Gott hat mir gesagt: „Sohn, man muß Mein sein! Mein!Sieh meine durchbohrte Brust, mein strahlend, blutend Herzund meine wunden Füße, die Magdalenens Schmerzmit Thränen wusch; und siehst, siehst die große Peinmeiner Arm-und-Hände durch deine Sündenschuld,siehst das Kreuz, die Nägel, und siehst und fühlst und glühst,daß diese bittre Welt des Fleisches Nichts versüßt,als Mein Fleisch und mein Blut, mein Wort und meine Huld.

War ich nicht dein, mein Sohn, dein bis in den Tod?mein Bruder du im Vater, mein Kind, mein Sohn im Geist!Und hab ich nicht geduldet, wie die Schrift verheißt?Hab ich nicht geschluchzt für deine Angst und Not?Und war mein blut’ger Schweiß nicht der Schweiß deiner Nächte,mein Freund, mein armer Freund du, der gern zu mir möchte!“

II.

Und ich –: Herr! du sagtest meine ganze Seele.Ja! ich will zu dir, Herr, suche und finde nicht.Du, dessen Liebe lodert wie aller Sonnen Licht:ich Dein sein, Dein? ich Wurm im Staub und voller Fehle!Du Friedensborn, den alle Kreatur erlechzet,ach, Einen Blick nur träufle in meinen Gram und Wahn!Darf ich denn wagen, Herr, nur deiner Spur zu nahn,ich, der auf eklen Knieen hier vor dir kriecht und ächzet?

Und dennoch such’ich dich, taste, tappe nach dir,daß auf mein Elend falle nur deines Schattens Zier,doch Du bist ohne Schatten, Du, dessen Liebe lodert,du süßer Springquell, bitter nur dem, deß Herz noch modertim Rausche seiner Schmach, du Licht, ganz Licht, deß Glutund schwerer Kuß den trüben Menschenaugen wehe thut!

III.

„Man muß, muß mein sein! Ja: ich bin, bin der Kußder Welten, bin der Odem, bin dieser Mund, du lieberKranker, von dem du stammelst, der glühende; und dies Fieber,das deine Nächte schüttelt, bin Alles Ich! man mußnur wagen, mein zu sein! Ja: meine Liebe, diezu Höhen lodert, wo dein armes Ziegenseelchennicht hinklimmt, wird dich, wie der Adler ein Rotkelchen,empor zu Himmeln tragen, oh, Himmeln, die – oh sieh,

sieh meine helle Nacht, du weinend Auge duim Scheine Meines Mondes! sieh dieses Bett von Reinheit,all diese Unschuld sieh, all diese Ruh!Sei mein! die zwei Worte sind meine höchste Einheit,denn dein allmächtiger Gott vermag zu wollen – neinnur erst vermögen will ich dich: sei, sei Mein!“

IV.

– Herr, Herr, zuviel! ich wag’s nicht. Ich Dein? Wer? ich, und Dein?Nein nein, nur zagen darf ich, doch wagen – nein! ich bebe!ich will’s nicht, ich bin unwert! Ich Dein? du, Kelch und Rebe,du aller Heiligen Herz, du liebreich Brot und Wein,du, aller Gnadenwinde ungeheure Rose,du Eifrer Israels, du lichter Falter, demnur die junge Blume der Unschuld angenehm:und ich soll Dein zu sein vermögen? ich lichtlose

Schlacke, ich Frevler, Dein? Herr, bist du rasend?! IchBefleckter, dem die Sünde Beruf ist, der – o Fluch –in allen seinen Sinnen, Gefühl, Geschmack, Geruch,Gehör, Gesicht, ja selbst in seinem Rausch nicht Dich,in seiner Reue selbst nur das Entzücken fühlt,mit dem der alte Adam nach neuen Lüsten in ihm wühlt!

V.

„Drum muß man mein sein! Ich bin’s der in dir rast,bin der neue Adam, der den alten frißt,dein Hunger und dein Mannah; und meine Liebe istso strömender, je näher du der Quelle nahst.Ein strömend Feuer ist sie, drin all dein brünstig Blutauf immer sich verzehrt und wie ein Duft verdampft,und ist die Sündflut, deren schwangere Wut zerstampftjedweden schlimmen Keim und all die trübe Brut,

die Ich gesät, daß einst mein Kreuz so heller strahleund daß auch du dereinst durch ein furchtbar Mirakelder Gnade Mein sein müßtest, entsühnt all deiner Makel –sei mein! empor! sei Mein! Empor mit Einem Maleaus deiner Nacht zu Mir, Mir, du verlaßner armerStaub, dem Nichts blieb als Ich, dein ewiger Erbarmer!“

VI.

– Herr! Herr! ich fürchte mich. Mein Herz zittert und zagt.Ich seh, ich fühl’s: man muß, muß Dein sein. Aber wie,wie, Gott mein Gott, dein werden? du Richter, dessen Knieselbst der Gerechte kaum anzurühren wagt.Ja, wie? Denn sieh, es wankt der Grund, darinnen hiermein Herz sein Grab sich grub, und über mich wie Glutfühl ich herniederstürzen des Firmamentes Flutund rufe: Herr! wo führt ein Weg von Dir zu mir?!

Reich mir die Hand, mein Leben, daß dieses Fleisches Wehund dieser kranke Geist nur fühle deine Spur!Denn jemals zu empfangen und zu genießen jedie himmlische Umarmung: Herr, ist das möglich nurdein zu sein dereinst, selig in deinem Schooß,an deinem Herzen, Herr, zu ruhn: selig, sündelos?!

VII.

„So möglich, wie gewiß. O komm, o siehe, welchEntzücken deiner harrt! Laß ab von deinem Harmeund deinem Trotz! komm, sinke in meine offnen Arme,gleichwie der Glühwurm in den erblühten Lilienkelch.Komm und verdien es dir! Komm an mein Ohr, schütt ausall deine Niedrigkeit mit deinem höchsten Mute;sag Alles, Sohn – frei, schlicht und ohne Stolz im Blute;reich mir der Reue blassen, schmachtenden Blumenstrauß!

Dann tritt an meinen Tisch, einfältiglich; da sollein köstlich Mahl, dem selbst die Engel andachtvollnur zusehn dürfen, dich erquicken und entsühnen,da sollst den Wein du trinken, den Wein des immergrünenWeinstocks, dessen Güte und Kraft und Süßigkeitdein Blut befruchten werden für die Unsterblichkeit.

„Dann geh und glaube fromm, demütig an das Urwortder Liebe, allwodurch ich dein Leib-und-Seel ich bin;und kehre ja, mein Sohn, sehr oft von Neuem inmein Haus ein, meinen Wein dort zu kosten und den Schwur dortzu leisten auf mein Brot, ohn welches all dein Strebennur ein Verrat von mir; und bitte mich, wie Brauch,mich, Vater Sohn und Geist, und meine Mutter auch,daß du das Lämmlein werdest, das stumm versprützt sein Leben,

daß du das Kindlein werdest, bekleidet mit dem Linnender Unschuld, und dein eigen armselig Sein und Sinnenvergessest, um einst Mir ein wenig gleich zu werden,Mir, der zu Zeiten des Pilatus und Herodes,des Petrus und des Judas auch dir gleich ward auf Erden,für dich am Kreuz zu sterben eines verruchten Todes.

„Und um zu lohnen deinen Eifer in diesen Pflichten,die also süß, daß ihre Wonnen unsäglich sind,will ich dich schmecken lassen schon auf Erden, Kind,den Vorschmack Meines Friedens: meine dunkellichtengeheimen Nächte, wo der Geist sich meinen Söhnenaufthut und vom ew’gen Kelch der Verheißung trinkt,wo hoch vom heil’gen Himmel der fromme Vollmond winkt,und aus der rosigen Finsternis die Engelchöre tönen,

verkündend die Entrückung empor zu Meinen Lichte,die ew’gen Küsse meiner Langmut und Erbarmung,die Psalmen meines Ruhms und ewigen Traumgesichte,die ewige Weisheit und die ewige Umarmungim Taumel deiner süßen Schmerzen, die auch mein:die strahlende Verzückung, Mein zu sein!“

VIII.

– Ach! Herr! wie wird mir! siehe, weinend vor Deine Füßestürz’ich, schluchzend und jauchzend; deine Stimme machtmir wohl und weh! mein Auge weint, meine Seele lacht!und all das Weh, das Wohl hat all die selbe Süße!Aus Thränen jubl’ich, Herr; aus meinem Rausche weckenmich Hörnerrufe, Waffen winken auf klirrender Au,funkelnde Schilde, und drüber Engel in Weiß und Blau,und dieser Hörnerruf füllt mich mit Wut und Schrecken!

Den Taumel fühl’ich, fühle das Graun der Auserwählten!Ja, ich bin unwert, aber: Herr, Deine Gnad ist groß!Sieh: voll Gebet, voll Demut: hier, sieh mich Schweißgequälten,siehe mich Glutbeglückten – obgleich ein namenlosErschauern, Herr, den Trost mir Deines Mundes schwächt,und zitternd geht mein Atem – –

IX.

„So, armes Herz, so recht!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zu Gott“, Fassung 1.479.459 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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