Venus Vita
Richard Dehmel · 1863–1920
37 Zeilen · zuerst gedruckt 1893
Und einen Feldweg, und um Morgengrauen,die kahlen Bäume stehen da wie tot,ich aber wandre, ohne aufzuschauen.Ich fühle eine Furcht; und Regen droht.Ich höre den gedüngten Acker schweigen;und heute wird kein Morgenrot.Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigensagt keine Tafel mir die rechte Spur:soll ich hinunter, soll ich steigen.Da däucht mir, in der tiefen Flurrief mich mein Name; aus ersticktem Munde.Ich horche; Nichts. Im Osten nurenttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde.Es ist kein Stern, es schimmert warm und traut,mir dämmert eine längst vergangne Stunde,und wieder hör’ich fern und lautdie bange Stimme meinen Namen rufen;und mir graut.Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufenbekannt; ich bin so wandermatt;und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen?hinab! – Schon wird der Abhang glatt;auf Einmal, wie von einem Kinderwagen,springt mir ein Radunter den Füßen auf. Ich seh es jagen,es springt und rollt den Kiesweg vor mir her,seh’s Funken schlagen;mein Schreck, mein Zittern wird Begehr,ich muß ihm nach, es haben! bis zur Kehlehämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr,und immer ruft mich klagend jene Seeleund winkt das Licht,das Rad – Ich – jetzt: ich greife, fehle,es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh’s zerbricht!ich fass’es, stürze – wach’ich? meine mattenFinger umklammern es, – nein – nicht:in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten ...
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Venus Vita“, Fassung 625.070 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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