Venus Mea
Richard Dehmel · 1863–1920
36 Zeilen · zuerst gedruckt 1893
Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden,ich habe nun genug geschaut nach Osten;die Seele will in ihren AbendlandenVollendung kosten.An dem Thor des neuen Evagartenssteht ein knöchernes Gerippe,mit dem Ausdruck des Erwartens,aber nicht mehr in der Faust die Hippe.Sein Scheitel schimmert; eine Pfauenfederragt aus der Rechten steil zum Himmelsrand,drin sonnt sich tausendfarbig, was ein Jederwar und empfand.In der Stunde einer neuen Fruchtperlt ein Strahl aus diesem Spiegel,dann verglimmt die Wonnesucht,still empfängt der dunkle Keim sein Siegel.Schon dämmert Glanz; krystallne Ketten hängenklar her zu dir aus väterlichen Sphären.So sollst auch Du dich aus der Dämmrung drängenund dich verklären,Seele, bis dein starr Gehirn sich lichtet,wie die Sonne scheint durch Eis,und dir deine Brunst beschwichtetund im Traum selbst deinen Willen weiß.Noch flimmert’s nur; tief lockt die alte Nachtmit ihrer Schaar verworrner Muttergluten.Doch du wirst wiederkehren! du bist Macht!sieh, rings sind Fluten:wenn zwei Liebende zusammensinken,die du Einmal nur erleuchtet,und im Rausche blind ertrinken,wird die Frucht von Deinem Licht befeuchtet.So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächterssollst du dem alten Garten kalt entschreiten:dir weist die Pfauenfeder unsres WächtersUnsterblichkeiten.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Venus Mea“, Fassung 625.069 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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