Venus Mors
Richard Dehmel · 1863–1920
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Eine rote Feuerlilie schreitetriesig durch die Weltennacht.Von der Sonne bis zum Sirius breitetsich ihr Scharlachkelch. Der Schachtdes gezähnten Schlundes kocht von Gluten,düster flammt des Rachens Zackenfirne;um die wirbelnden Gestirneschlingt sie hungrig ihre Samenruten.
Gelb aufzüngelnd schlürft sie die getrenntenWelten gierig in den wilden Schooß,aus den schwarzen Firmamentenringen Sonne, Sirius sich los;lodernd sehn sie die Unendlichkeitenihrer alten Sehnsucht überbrückt,aus den Angeln wanken sie verzückt,zu einander stürzen die befreiten.
Taumelnd folgen, brodeln, glühenringsum die Trabantenlüfte;aus der brennenden Lilie sprühenLavastürme durch die Himmelsgrüfte.Auf der Erde ras’t ihr Licht als Mord,sengend frißt es Wälder, Ströme, Quellen,Asche trieft aus blendenden Wolkenhöllen,alle Kreatur verdorrt.
Nur ein Brautpaar will noch fühlend enden,keuchend, schon erblindet beide;mit den heißen Liebeshändennestelt er an ihrem Kleide.Aber in der Nacht der Seelewird der grelle Durst zur Wut;wühlend wittert er ihr Blut,beißt er, schlürft er sich in ihre Kehle.
Alles saugt der große Flammenschlund,kreisend will er überschäumen,rissig klafft der zuckende Muttermund,Dämpfe bersten, Feuerpollen säumenden zerfetzten Riesenblütenrand,eine neue Welt entrollt der toten,strahlend quillt sie aus dem morgenrotenfurchtbar’n Siriusliebestodesbrand.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Venus Mors“, Fassung 617.737 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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