Venus Nutrix
Richard Dehmel · 1863–1920
24 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Aber nicht wieder! nein, nie wieder!Ja, du wolltest mich beglücken:wie sie an dein Fleisch sich drücken,diese kleinen nackten Glieder.Aber mir diese Lust beschauen,ist mir ein Grauen.
Zu tief sah ich unsrer zahmen Katzein die mütterlichen Augen,wie sie ließ die Jungen saugenunter der steifen, scharfen Tatze;und der jungen, blinden Brutschmeckte das alte Raubtier gut!
Decke die Brust zu, wenn die Lippendeines Sohnes dich berühren;laß ihn andre Wonnen spürenals den Blick der Ahnen und der Sippen!Nein, ich wollte dich nicht betrüben;nur – nur anders laß uns lieben!
Bebt’ich doch selber, als ich ihn küßte,und ich will die Wonnen der Ammennicht verdammen:dunkel ist der Zweck der Lüste.Aber die Mütter – nein, schweigen wir!wehe, der Mensch ist ein Säugetier.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Venus Nutrix“, Fassung 622.364 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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