Venus Pandemos
Richard Dehmel · 1863–1920
60 Zeilen · zuerst gedruckt 1893
Und jenes letzte Mal. Im Nachtcaféder Vorstadt wieder, müde vom Geruchder schwülen Sofaplüsche und des Punsches,der vor mir glühte, und vom Frauendunstder feuchten Winterkleider; müde, lüstern.Die Tabakswolken schwankten vom Gelächterund feilschenden Gekreisch der bunten Dirnenund Derer, die drum warben; das Gerasselder Alfenidelöffel am Büffettermunterte den Lärm des Liebesmarktes,ununterbrochen, wie ein Tamburin.Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend,und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters,der drüber hing, sich mühsam mit den Farbenauf den Gesichtern um die Marmortischein seiner gelben Sprache unterhielt;wozu der schwarze Marmor blank auflachte.Ich war schon bei der Wahl. Da teilte sichdie rote Thürgardine neben mir:ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zugschnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte;die Beiden schritten ruhig durch den Schwarm.Mir grade gegenüber, quer am Endedes Ganges, als beherrschten sie den Saal,nahmen sie Platz; der broncene Kronleuchterhing über ihnen wie ein schwerer, alterThronhimmel; Keiner schien das Paar zu kennen.Doch hört’ich rechts von mir ein heisres Stimmchen:„Bejejent muß ik Die woll schon wo sein!“ –Er saß ganz still. Das laute Grau der Luftschrak fast zurück vor seiner krassen Stirne,die wachsbleich an die schwachen Haare stieß;die großen, blassen Augenlider warentief zugeklappt, auf beiden Seiten lagihr Schatten um die eingeknickte Nase,der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen.Nur wenn die üppig kleinere Gefährtinihm kichernd einen Satz zuzischelte,sah man sein eines schwarzes Auge halbund drehte sich sein langer, dünner Hals,langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch,wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt.Es wurde immer stiller durch den Raum;sie sahen Alle auf den stummen Mannund auf das sonderbar geduckte Weib.„Sie ist ganz jung“, war um mich her ein Flüstern;auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind.Doch schien sie mir fast alt, so oft die Zungedurch eine Lücke ihrer trüben Zähnespitz aus dem zischelnden Munde zuckte, währendihr grauer Blick den Saal belauerte;das Gaslicht brannte drin wie giftiges Grün.Jetzt hob sie sich. Sein Glas stand unberührt;ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor.Sie ging; er folgte automatisch nach.Die rote Thürgardine that sich zu,der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze,doch fluchte keiner; und mir schauderte.Ich blieb für mich, – ich kannte sie auf einmal:es war die Liebesseuche und der Tod.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Venus Pandemos“, Fassung 652.651 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.