Oben und Unten
Richard Dehmel · 1863–1920
41 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Ueber die grauen Dächer weg,hoch hier oben,durch die langen roten Nelken,die vor meinem offnen Fensterleise zwischen mirund dem blauen Abendhimmel schwanken,will mein Auge,will meine Seelehinaus, hinauf.
Um die höchste goldene Kirchturmkugel,im letzten fernen Lichte,mit hellen Flügeln,zieht ein Taubenschwarmzitternde Kreiseüber dem Hausemeiner Geliebten.
Aus dem blassen Westenwill der erste Stern und überflimmertscheu den lauten Dunst und trüben Lärmder großen Stadt hier unten,wie der erste, winkende Traumgedankeaus dem wirren Schwarm der Lebensfragenin der Seele des Müden taucht –da klopft es.
Klopft und ist auch schon im Stübchen,sitzt mir auf dem Stuhle gegenüber,sagt kein Wort, und nur die roten Lippenunterm schwarzen Ringelhaarwinken roter als die rote Bluseauf den scheuen Knospen ihres Busens;und ich sage auch nichts.
Ihre schwarzen Augensterne zitterndurch die stumme Dämmerung des Stübchenshoch hier obeneinen süßen jungen Evablicknach den langen roten Nelken hin;ihre Augen!
Und ich angle nach ihr mit den Beinen,diesen Perpendikeln meines Herzens:Kleine, merkst du,was die Uhr geschlagen hat? –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Oben und Unten“, Fassung 1.479.487 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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