Venus Adultera
Richard Dehmel · 1863–1920
36 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Komm, Schatz; komm, Katz; laß das Wimmern!Nein, das darf dich nicht bekümmern,ob ich auch „treu“ bin; rück nur her!Komm: ich hab ein Dutzend Seelen,wer kann all die Kammern zählen,sechse stehen grade leer.
Sieh nicht auf den Ring an meinem Finger;hoh, mein Kind, ich bin viel jüngerals mein narbiges Gesicht.Weißt du, die Runzeln und die Hiebethun erst die Würze zu Ehre und Liebe!Ja, mein süßer Bösewicht:
Viel geliebt, noch mehr getrunken,manchmal fast im Strom versunken,heida wie der Schläger pfiff!Soll das Leben dir was nützen,lerne auch dein Blut versprützen:nicht gezuckt! los! blick und triff!
Hast ja auch schon – Blut verspritzt,oft ... ah! wie dein Auge blitzt:zürnst wol gar dem frechen Buben?Was denn: Thränen? o nicht doch! oh!Herzchen, so’was lernt man soin der Luft der Ehestuben!
Komm: sei gut, Kind! Gieb mir die Hand!Hast mich ja lieb, Kind – und hast Verstand:nein, ich will dich nicht verführen.Aber gelt, du wärst gern Braut?Hier das Venushalsband deiner Hautläßt verhaltene Wünsche spüren!
Sieh mich doch an, du: bin kein Dieb!habe das Halsband nur so liebund deine dunkeln Augenringe.Sieh doch: mein Blick ist ein zündender Pfeil,und meine Stimme ein sausendes Seil:komm, durch Höllen und Himmel soll’s dich schwingen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Venus Adultera“, Fassung 622.373 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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