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Versbuch

So im Wandern

Richard Dehmel · 18631920

77 Zeilen in 19 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Ein silbern klein Herze,von Golde ein’n Ring,die gab sie mir, als ichwandern ging,

und that in das Herzeihr Bild hinein;so einsam der Morgen,bin doch nicht allein ...

Arme Padde im Gleise,zerquetscht liegst du.Ich wandre meine Straßeund wandre immer zu.

Schon teilt sich der Nebelund schimmert die Welt,im Sonnenschein glitzertdas Aehrenfeld;

die Hummeln summen,die Lerchen klingen;die Birken wehen,die Zweige schwingen;

die Pappeln, die schüttelndie Blätter im Wind;sie flüstern, sie singenvon meinem fernen Kind.

Das Herzelein nehm’ichvom seidenen Bandund leg’s in das Ringleinin meiner Hand,

so schreit ich und schauals ein Zeichen mir’s an:so halt ich in Treuenohn Ende Dich umfahn ...

Was rennst, Meister Lampe?heut jag’ich nicht.Ich wandre, ich schreite,die Sonne sticht.

In Dorfes Mittender Friedhof sich hebt;wie wird’s gar kühl sich ruhen,wenn man mich einst begräbt!

zwei weiße Rosen biegenums Grabkreuz die Aest,drauf steht mein Nam geschrieben;bis der Regen ihn löscht ...

Hinterm Kirchlein die Schenkeheißt „Zu den 3 Linden“;da wird ein Ruheplätzchensich auch wol noch finden!

Ei Tausend, mein Schätzchen:so schmuck, und allein?Ei komm doch, rück näher;trink aus, schenk ein! –

Na Schätzel, was weinst denn?Ja, die Welt ist hohl,die Welt ist ne Flasche:trink aus! leb wohl! –

Was wackelt der Pfahl da?der ist wol betrunken!Ich wandre, ich schreite,in Sinnen versunken.

Wir war’n ja so alleine;und sie, sie so weit!ich will ihr Alles sagen,bis sie mir verzeiht ...

Und am End meiner Reisesteht mein elterlich Haus,da schaut mein lieb Mütterchenam Fenster nach mir aus;

und drinnen sitzt mein Vater,wie’n König auf sei’m Thron,und will’s nicht verraten,daß er wart’t auf sein’n Sohn ...

Nun will ich nicht sinnen,ob man glücklich kann werden;der Himmel ist hoch,und wir leben auf Erden –schrumm!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „So im Wandern“, Fassung 1.479.425 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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