Venus Anadyomene
Richard Dehmel · 1863–1920
31 Zeilen · zuerst gedruckt 1893
Das ist die alte Stimme wieder,aus langen Träumen jung erwacht;sie sang die allerersten Lieder,trunken und schüchtern, – sie singt und lacht:„Ueber dem grünen Roggenmeerewiegte die Glut zwei Pfauenaugen,blühend roch die brütende Leere;tief im grünen Roggenmeerelag ein Knabe mit blauen Augen.Das war, als du noch Fehle hattest,noch alte Furcht und fremde Scham,als du noch keine Seele hattest,die nur aus Deinem Blute kam.Aber du sahst die Falter leuchten,mit flackernden Flügeln bunt sich greifen;träumte dir von zwei dunkelfeuchtenAugen, und die sahst du leuchtenunter bunten, flatternden Schleifen.Das war die Zeit des Schaums der Säfte,die Aehren stäubten gelben Seim,vieltausendjährige Ueberkräfteerregten schwellend einen Keim;ahntest unterm andern Kleideandre nackte Glieder klopfen,deine Hände flackerten beide,in die einsam heiße Haidequoll ein erster Samentropfen.Das that die Sehnsucht dieser Erde,die opfernd um die Sonne schweift;sie sprach das allererste Werde, –beichte! die Sprache der Mannheit reift.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Venus Anadyomene“, Fassung 492.036 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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