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Versbuch

Gebet der Sucht

Richard Dehmel · 18631920

55 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Die Verwandlungen der Venus.

„Zeugen, Geburt und Tod,Wann wird es stille!Wo glüht das Urgebot,Wo wacht der Wille?“Otto Julius Bierbaum.

Gebet der Sucht.

Niemals sah ich die Nacht beglänzter,diamantisch reizen die Fernen;durch mein staubiges Kellerfenstersticht der Schein der Gaslaternen,

schielt auf meine frierenden Hände,und ich fühle meinen Hunger;grau sind diese nackten Wände,und sie flimmern. Und mein junger

irrender Wille kann sich nicht mehr täuschenunsre Lüste wollen fruchtbar sein!Mit den Schatten meiner keuschenKammer spielt ein schwüler Schein.

An den hohen Häusern drüben glühenaus der Finsternis die Fenster,wo die Freudenmädchen blühen –niemals sah ich die Nacht beglänzter!

Und die Sterne sind wie brennende Blicke,Welten sehnen sich nach mir!Ich verschmachte. Ich ersticke.Ja: ich frevelte an Ihr!

Selbst in meiner kalten Zellefühlte ich das Leben toben,der ich wagte, dieses schnelleHerz zu dämpfen; aber oben

über meinem dunklen Thale,Venus, seh ich angebranntDeine flammenden Fanale,und den Blick hinaufgewandt

ruf’ich aus dem tiefen Turmemeiner Aengste zu dir hoch:Göttin, wandle dich zum Wurme,sei im Wurme Göttin noch!

Sausend schaukelt eine Not mein Herzwie in erster süßer Knabenfrühe;ich verschmachte! ich verglühe!jeder Stern ist mir ein Schmerz, –

ihrer Strahlen ferne starre Rutenmartern, wenn du mich nicht kühlst,wenn nicht Du mit deinem brünstigen Blutemeine brennenden Dürste stillst!

Sieh, es lichtet sich ein neues Fenster,zuckt ein steiler Kerzenstreifen –niemals sah ich die Nacht beglänzter!Ja: entzünde dich dem Reifen,

Ewige, lächle: Deine Kerzen bleiben,alle andern sind verblichen!Hinter jenen schwarzen Scheibenschlafen alle Ordentlichen ...

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Gebet der Sucht“, Fassung 879.234 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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