Zum Inhalt springen
Versbuch

Jesus der Künstler

Richard Dehmel · 18631920

96 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Traum eines Armen.

So war’s. So stand ich: dumpf, doch fühlend: stumm:im roten Saal, reglos, in dunkler Ecke:dumpf, starr und fühlend: schwer: Stein unter Steinen:bang: starr, und fühlend! –Die schlanken Alabastersäulen leuchten;vom hohen Saum der Purpurkuppel hängenund glänzen weit ihr silbern Licht herabim Doppelkreis die großen weißen Ampeln;die roten Nischen bergen zarte Schattenund spiegeln sich im blanken Pfeilerwerk;es ist so still ...Und stumm gleich mir und unbewegt, von Nischezu Nische, stehn Gestalten: Mann und Weib.In weißer Nacktheit stehn sie schimmernd da;die glatten Sockelblenden werfen Strahlen;die roten Wände füllen lebensweichegeheime Schmelze um den Rand der Glieder;von Kraft und Ruhe träumt der reine Stein;sie sind so schön ...Ich aber hocke in der dunklen Eckeund fühle meines Leibes Magerkeitund meiner Stirne graue Sorgenfurchenund meiner Hände rauhe Häßlichkeit.In meinem Staub, in meinen Straßenlumpenmißfarben angetüncht, so hocke ichauf fahlem Postamente, steif und bang,vor ihrer Nacktheit mich der Kleider schämend:Stein unter Steinen ...Nur Einer atmet in der stillen Halle.Dort in der Mitte, auf dem mattgestreifteneisblassen Marmor, liegt im Dornenkranz,blutstropfenübersät die bleiche Stirn,ein Mensch und schläft. Sein weißer Mantel hebt sichin langen Falten leise auf und nieder.Im Silberlicht der Ampeln glänzen rötlichder schmale Bart, das schwere, weiche Haar.Hinauf zur Kuppel bebt der milde Mund;so lautlos schön ...Nun kommt ein Seufzen durch den stummen Glanz.Die stillen Lippen haben sich geöffnet.Im blanken Alabaster spiegelt sichdes blutbesprengten Hauptes leise Regung.Klar, langsam thun zwei große blaue Augenempor zur Purpurwölbung weit sich auf,sanft auf; und alles Rot und Weiß des großenGemaches überleuchtet dieser großenverklärten Augensterne dunkeltiefes,unsäglich tiefes, dunkles, sanftes Blau.So steht er auf ...Da scheinen sich die Steine rings zu rühren,die weißen Glieder eigner sich zu röten,und nur von Sehnsucht starr. Er aber wandelt.Die Dornenkrone bebt; und wie er sachtvon Postament zu Postamente schreitet,und Wen er ansieht mit den blauen Augen,der lebt und steigt in Schönheit zu ihm nieder,Der lebt, Der lebt! –Und steigend, wandelnd, aus den Purpurzellen,in warmer Nacktheit leuchtend Leib an Leib,folgt Paar auf Paar ihm von den Marmorschwellen,so stolz, so stolz, umschlungen Mann und Weib.Von ihren Stirnen, von den lichtbetautensorglosen Lippen ein Erwachen flieht,der weite Saal erklingt von Menschenlauten,es schwebt ein Lied.Es schwebt und klingt: „So wandeln wir in Klarheitund wissen aller Sehnsucht Sinn und Ziel:in Unsrer Schönheit haben wir die Wahrheit,zur Freude reif, und frei zum kühnen Spiel!“So schwebt das Lied ...Ich aber hocke in der dunklen Ecke,und fühle meiner Glieder Häßlichkeitund meiner Stirne graue Sorgenfurchen,und fühle neidisch ihre warme Nacktheitund frierend ihren Jubel – ich ein Stein.Von Pfeiler hell zu Pfeiler tönt der Zug,des stillen Wandlers Dornenkrone bebt,ich aber bebe mit in meinen Lumpenund warte, warte auf die blauen Augenund will auch leben, auch ein Freier wandeln,nicht Stein, nicht Stein! –Und näher glänzt und klingt es um die Säulen;vom letzten Sockel folgt ein Mädchen ihm;er kommt! er kommt! –Und er steht vor mir. Da verstummt der Zug;ich fühle ihre stolzen Augen staunenund fühle seine, seine Augen ruhnin meinen, ruh’n, und will mich an ihn werfenund will ihm küssen seinen milden Mund,da brechen perlend seine Wunden auf,die bleiche Stirn, die Lippe zuckt, – er spricht,ihm schießen Thränen durch den blutigen Bart,spricht: „Deine Stunde ist noch nicht gekommen!“Und ich erwachte. Weinend lag ich nackt;nackt wie die Armut.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Jesus der Künstler“, Fassung 1.479.446 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Richard Dehmel

Alle Gedichte von Richard Dehmel ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.