Gebet der Sättigung
Richard Dehmel · 1863–1920
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Nun verging der Stern der Frühe,meine Augenlider brennen;und die Sonne kann mit Mühedie gefrornen Nebel trennen.
Mich verdrießt mein nächtlich Brüten;drüben an den Häuserwändensprießen diamantne Blüten.Meine Prüfung kann nun enden! –
Dieser Keller: dumpfer Zwinger!Auf die dunstbelaufnen Scheibenwill ich breit mit steifem FingerVENUS REDIVIVA schreiben!
Denn ich weiß, du bist Astarte,deren wir in Ketten spotten,du von Anbeginn, du harteGöttin, die nicht auszurotten.
Aber Ich war weich wie glühend Eisen;darum sollst du mich in Wasser tauchen,bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisenund der Stahl wird, den wir brauchen.
Nicht mehr will ich meine Brunst kasteien,die dann mit berauschter Durstgeberdewünscht, daß unsre Lüste fruchtbar seienund ein Wurm zur Göttin werde.
Nach der Nacht der blinden Süchteseh ich nun mit klaren bloßenAugen meine Willensfrüchte;denn ich bin wie jene großen
Tagraubvögel, die zum Fliegensich nur schwer vom Boden heben,aber, wenn sie aufgestiegen,frei und leicht und sicher schweben.
Glitzernd winkt mein Horst, – Du Eine,die ich liebe: Ja und Amen:heute komm ich! heut soll meineKlarheit Deinen Schooß besamen!
Schon errötet dort der Giebel;Sonne, mach ein bischen schneller!„Schuster – bring mir meine Stiebel,heut verlass’ich deinen Keller!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gebet der Sättigung“, Fassung 879.235 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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