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Versbuch

Im Kreislauf des Jahres.

Rudolf Lavant · 18441915

41 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1891

Ich ging um mitternächt’ge ZeitIm schönen Mai durch stille Gründe:Die Bäume blüthenüberschneit,Als ob die Welt im Winter stünde,doch rings der Nachtigall Gesang,Und seiner Duft von jungem LaubeUnd munt’rer Wasser rascher GangUnd Traumgegirr der wilden Taube.Und leise fragt‘ ich, wie erlöst von Pein:„Du alte Welt, wann kannst du schöner sein?“

Ich ging bei matter Blitze Sprüh’nMittsommernachts durch stille Lande:Rings der Johanniswürmchen Glüh’nUnd Kühle nach dem Sonnenbrande.Die Aehrenfelder wogten lind,Die Bäume rauschten halb verstohlenUnd zu mir trug ein weicher WindDen Duft der blassen Nachtviolen.Und leise, bei des Wetterleuchtens Schein,Fragt‘ ich die Welt: „Wann kannst du schöner sein?“

Ich ging in tiefer, dunkler NachtIm Herbst entlang die Rebenhügel:Zu meinen Häupten rauschten sachtDer raschen Wandervögel Flügel.Sonst störte nichts der müden WeltAndächt’ge und verklärte Stille,Als aus gebräuntem HaferfeldDas klingende Gezirp der Grille.Die Dörfer dufteten nach Most und Wein;Da fragt‘ ich leis: „Wann kann es schöner sein?“

Ich ging in klarer WinternachtDurch tiefverschneites Brachgefilde;Hoch über mir die bunte PrachtDer hellen, schönen Sterngebilde.Der Füchse fernes Bellen drangGedämpft aus lautlos stillen ForstenUnd ab und zu ein heller Klang,Wenn blankes, starkes Eis geborsten.Die Luft so scharf und doch so köstlich rein!Und leise fragt‘ ich: „Kann es schöner sein?“R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Auer/Hamburg und J.H.W. Dietz/Stuttgart (in Kommission), Leipzig, 1891
Digitalisat
de.wikisource.org — „Im Kreislauf des Jahres (1891)“, Fassung 3.018.088 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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