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Versbuch

Die zehnte Elegie

Rainer Maria Rilke · 18751926

114 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1923

DASS ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht,Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.Daß von den klargeschlagenen Hämmern des Herzenskeiner versage an weichen, zweifelnden oderreißenden Saiten. Daß mich mein strömendes Antlitzglänzender mache: daß das unscheinbare Weinenblühe. O wie werdet ihr dann, Nächte, mir lieb sein,gehärmte. Daß ich euch knieender nicht, untröstliche Schwestern,hinnahm, nicht in euer gelöstesHaar mich gelöster ergab. Wir, Vergeuder der Schmerzen.Wie wir sie absehn voraus, in die traurige Dauer,ob sie nicht enden vielleicht. Sie aber sind jaunser winterwähriges Laub, unser dunkeles Sinngrün,eine der Zeiten des heimlichen Jahres –, nicht nurZeit –, sind Stelle, Siedelung, Lager, Boden, Wohnort.

Freilich, wehe, wie fremd sind die Gassen der Leid-Stadt,wo in der falschen, aus Übertönung gemachtenStille, stark, aus der Gußform des Leeren der Ausguß,prahlt der vergoldete Lärm, das platzende Denkmal.O, wie spurlos zerträte ein Engel ihnen den Trostmarkt,den die Kirche begrenzt, ihre fertig gekaufte:reinlich und zu und enttäuscht wie ein Postamt am Sonntag.Draußen aber kräuseln sich immer die Ränder von Jahrmarkt.Schaukeln der Freiheit! Taucher und Gaukler des Eifers!Und des behübschten Glücks figürliche Schießstatt,wo es zappelt von Ziel und sich blechern benimmt,wenn ein Geschickterer trifft. Von Beifall zu Zufall

taumelt er weiter; denn Buden jeglicher Neugierwerben, trommeln und plärrn. Für Erwachsene aberist noch besonders zu sehn, wie das Geld sich vermehrt, anatomisch,nicht zur Belustigung nur: der Geschlechtsteil des Gelds,alles, das Ganze, der Vorgang –, das unterrichtet und machtfruchtbar……….… O aber gleich darüber hinaus,hinter der letzten Planke, beklebt mit Plakaten des „Todlos“,jenes bitteren Biers, das den Trinkenden süß scheint,wenn sie immer dazu frische Zerstreuungen kaun…,gleich im Rücken der Planke, gleich dahinter, ists wirklich.Kinder spielen, und Liebende halten einander abseits,ernst, im ärmlichen Gras, und Hunde haben Natur.Weiter noch zieht es den Jüngling; vielleicht, daß er eine jungeKlage liebt… Hinter ihr her kommt er in Wiesen. Sie sagt:Weit. Wir wohnen dort draußen…..Wo? Und der Jünglingfolgt. Ihn rührt ihre Haltung. Die Schulter, der Hals –, vielleichtist sie von herrlicher Herkunft. Aber er läßt sie, kehrt um,wendet sich, winkt… Was solls? Sie ist eine Klage.

Nur die jungen Toten, im ersten Zustandzeitlosen Gleichmuts, dem der Entwöhnung,folgen ihr liebend. Mädchenwartet sie ab und befreundet sie. Zeigt ihnen leise,was sie an sich hat. Perlen des Leids und die feinenSchleier der Duldung. – Mit Jünglingen geht sieschweigend.

Aber dort, wo sie wohnen, im Tal, der älteren eine der Klagen

nimmt sich des Jünglings an, wenn er fragt: – Wir waren,sagt sie, ein großes Geschlecht, einmal, wir Klagen. Die Vätertrieben den Bergbau dort in dem großen Gebirg; bei Menschenfindest du manchmal ein Stück geschliffenes Urleidoder, aus altem Vulkan, schlackig versteinerten Zorn.Ja, der stammte von dort. Einst waren wir reich. –

Und sie leitet ihn leicht durch die weite Landschaft der Klagen,zeigt ihm die Säulen der Tempel oder die Trümmerjener Burgen, von wo Klage-Fürsten das Landeinstens weise beherrscht. Zeigt ihm die hohenTränenbäume und Felder blühender Wehmut,(Lebendige kennen sie nur als sanftes Blattwerk);zeigt ihm die Tiere der Trauer, weidend, – und manchmalschreckt ein Vogel und zieht, flach ihnen fliegend durchs Aufschaun,weithin das schriftliche Bild seines vereinsamten Schreis. –Abends führt sie ihn hin zu den Gräbern der Altenaus dem Klage-Geschlecht, den Sibyllen und Warn-Herrn.Naht aber Nacht, so wandeln sie leiser, und baldmondets empor, das über alleswachende Grab-Mal. Brüderlich jenem am Nil,der erhabene Sphinx –: der verschwiegenen KammerAntlitz.Und sie staunen dem krönlichen Haupt, das für immer,schweigend, der Menschen Gesichtauf die Wage der Sterne gelegt.

Nicht erfaßt es sein Blick, im Frühtodschwindelnd. Aber ihr Schaun,hinter dem Pschent-Rand hervor, scheucht es die Eule. Und sie,

streifend im langsamen Abstrich die Wange entlang,jene der reifesten Rundung,zeichnet weich in das neueTotengehör, über ein doppeltaufgeschlagenes Blatt, den unbeschreiblichen Umriß.

Und höher, die Sterne. Neue. Die Sterne des Leidlands.Langsam nennt sie die Klage: „Hier,siehe: den ‚Reiter‘, den ‚Stab‘, und das vollere Sternbildnennen sie: ‚Fruchtkranz‘. Dann, weiter, dem Pol zu:‚Wiege‘, ‚Weg‘, ‚das brennende Buch‘, ‚Puppe‘, ‚Fenster‘.Aber im südlichen Himmel, rein wie im Innerneiner gesegneten Hand, das klar erglänzende ‚M‘,das die Mütter bedeutet…..“

Doch der Tote muß fort, und schweigend bringt ihn die ältereKlage bis an die Talschlucht,wo es schimmert im Mondschein:die Quelle der Freude. In Ehrfurchtnennt sie sie, sagt: „Bei den Menschenist sie ein tragender Strom.“

Stehn am Fuß des Gebirgs.Und da umarmt sie ihn, weinend.Einsam steigt er dahin, in die Berge des Urleids.Und nicht einmal sein Schritt klingt aus dem tonlosen Los.

Aber erweckten sie uns, die unendlich Toten, ein Gleichnis,siehe, sie zeigten vielleicht auf die Kätzchen der leerenHasel, die hängenden, odermeinten den Regen, der fällt auf dunkles Erdreich im Frühjahr. –

Und wir, die an steigendes Glückdenken, empfänden die Rührung,die uns beinah bestürzt,wenn ein Glückliches fällt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Duineser Elegien S. 36–40, Erste Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1923
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die zehnte Elegie“, Fassung 3.581.005 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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