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Versbuch

Die Zaren

Rainer Maria Rilke · 18751926

214 Zeilen in 44 Strophen · zuerst gedruckt 1906

Ein Gedicht-Kreis (1899 und 1906)

I

Das war in Tagen, da die Berge kamen:die Bäume bäumten sich, die noch nicht zahmen,und rauschend in die Rüstung stieg der Strom.Zwei fremde Pilger riefen einen Namen,und aufgewacht aus seinem langen Lahmenwar Ilija, der Riese von Murom.

Die alten Eltern brachen in den Aeckernan Steinen ab und an dem wilden Wuchs;da kam der Sohn, ganz groß, von seinen Weckernund zwang die Furchen in die Furcht des Pflugs.Er hob die Stämme die wie Streiter standen,und lachte ihres wankenden Gewichts,und aufgestört wie schwarze Schlangen wandendie Wurzeln, welche nur das Dunkel kannten,sich in dem breiten Griff des Lichts.

Es stärkte sich im frühen Thau die Mährein deren Adern Kraft und Adel schlief;sie reifte unter ihres Reiters Schwere,ihr Wiehern war wie eine Stimme tief, –und beide fühlten wie das Ungefähresie mit verheißenden Gefahren rief.

Und reiten, reiten...vielleicht tausend Jahre.Wer zählt die Zeit wenn einmal Einer will.(Vielleicht saß er auch tausend Jahre still.)Das Wirkliche ist wie das Wunderbare:es mißt die Welt mit eigenmächtigen Maßen;Jahrtausende sind ihm zu jung.

Weit schreiten werden welche lange saßenin ihrer tiefen Dämmerung.

II

Noch drohen große Vögel allenthalbenund Drachen glühn und hüten überallder Wälder Wunder und der Schluchten Fall;und Knaben wachsen an und Männer salbensich zu dem Kampfe mit der Nachtigall,

die oben in den Kronen von neun Eichensich lagert wie ein tausendfaches Thier,Und abends geht ein Schreien ohnegleichen,ein schreiendes Bis-an-das-Ende-Reichenund geht die ganze Nacht lang aus von ihr;

die Frühlingsnacht, die schrecklicher als allesund schwerer war und banger zu bestehn:ringsum kein Zeichen eines Ueberfallesund dennoch alles voller Uebergehn,hinwerfend sich und Stück für Stück sich gebend,ja jenes Etwas, welches um sich griff;anrufend noch, am ganzen Leibe bebendund darin untergehend wie ein Schiff.

Das waren Ueberstarke, die da blieben,von diesem Riesigen nicht aufgerieben,das aus den Kehlen wie aus Kratern brach;sie dauerten und alternd nach und nachbegriffen sie die Bangnis der Aprileund ihre ruhigen Hände hielten vieleund führten sie durch Furcht und Ungemachzu Tagen, da sie froher und gesünderdie Mauern bauten um die Städtegründerdie über allem gut und kundig saßen.

Und schließlich kamen auf den ersten Straßenaus Höhlen und verhaßten Hinterhaltendie Thiere, die für unerbittlich galten.Sie stiegen still aus ihren Uebermaßen(beschämte und veraltete Gewalten)und legten sich gehorsam vor die Alten.

III

Seine Diener füttern mit mehr und mehrein Rudel von jenen wilden Gerüchtendie auch noch Er sind, alles noch Er.

Seine Günstlinge flüchten vor ihm her.

Und seine Frauen flüstern und stiftenBünde. Und er hört sie ganz innenin ihren Gemächern mit Dienerinnen,die sich scheu umsehn, sprechen von Giften.

Alle Wände sind hohl von Schränken und Fächern,Mörder ducken unter den Dächernund spielen Mönche mit viel Geschick.

Und er hat nichts als einen Blickdann und wann; als den leisenSchritt auf den Treppen die kreisen;nichts als das Eisen an seinem Stock.

Nichts als den dürftigen Büßerrock(durch den die Kälte aus den Fliesenan ihm hinaufkriecht wie mit Krallen)nichts, was er zu rufen wagt,nichts als die Angst vor allen diesennichts als die tägliche Angst vor allendie ihn jagt durch diese gejagtenGesichter an dunklen ungefragtenvielleicht schuldigen Händen entlang.Manchmal packt er Einen im Ganggrade noch an des Mantels Faltenund er zerrt ihn zornig her;aber im Fenster weiß er nicht mehr:wer ist Haltender? Wer ist gehalten?Wer bin ich und wer ist der?

IV

Es ist die Stunde da das Reich sich eitelin seines Glanzes vielen Spiegeln sieht.

Der blasse Zar, des Stammes letztes Glied,träumt auf dem Thron davor das Fest geschiehtund leise zittert sein beschämter Scheitelund seine Hand die vor den Purpurlehnenmit einem unbestimmten Sehnenins wirre Ungewisse flieht.

Und um sein Schweigen neigen sich Bojarenin blanken Panzern und in Pantherfellen,wie viele fremde fürstliche Gefahrendie ihn mit stummer Ungeduld umstellen.Tief in den Saal schlägt ihre Ehrfurcht Wellen.

Und sie gedenken eines andern Zaren,der oft mit Worten die aus Wahnsinn warenihnen die Stirnen an die Steine stieß.Und denken also weiter: jener ließnicht so viel Raum wenn er zu Throne saßauf dem verwelkten Sammt des Kissens leer.

Er war der Dinge dunkles Maß,und die Bojaren wußten lang nicht mehrdaß rot der Sitz des Sessels sei, so schwerlag sein Gewand und wurde golden breit.Und weiter denken sie: das Kaiserkleidschläft auf den Schultern dieses Knaben ein.Obgleich im ganzen Saal die Fackeln flackensind bleich die Perlen, die in sieben Reihnwie weiße Kinder knien um seinen Nackenund die Rubine an den Aermelzackendie einst Pokale waren, klar von Wein,sind schwarz wie Schlacken –

Und ihr Denken schwillt.

Es drängt sich heftig an den blassen Kaiser,auf dessen Haupt die Krone immer leiserund dem der Wille immer fremder wird;er lächelt. Lauter prüfen ihn die Preiser,ihr Neigen nähert sich, sie schmeicheln heiser,und eine Klinge hat im Traum geklirrt.

V

Der blasse Zar wird nicht am Schwerte sterben,die fremde Sehnsucht macht ihn sakrosankt;er wird die feierlichen Reiche erben,an denen seine sanfte Seele krankt.

Schon jetzt, hintretend an ein Kremlfenstersieht er ein Moskau, weißer, unbegrenzter,in seine endlich fertige Nacht gewebt;so wie es ist im ersten Frühlingswirkenwenn in den Gassen der Geruch aus Birkenvon lauter Morgenglocken bebt.

Die großen Glocken die so herrisch lautensind seine Väter, jene ersten Zaren,die sich noch vor den Tagen der Tatarenaus Sagen, Abenteuern und Gefahren,aus Zorn und Demut zögernd auferbauten.

Und er begreift auf einmal wer sie warenund daß sie oft um ihres Dunkels Sinnin seine eignen Tiefen niedertauchtenund ihn, den Leisesten von den Erlauchten,in ihren Thaten groß und fromm verbrauchtenschon lang vor seinem Anbeginn.

Und eine Dankbarkeit kommt über ihndaß sie ihn so verschwenderisch vergebenan aller Dinge Durst und Drang.Er war die Kraft zu ihrem Ueberschwang,der goldne Grund vor dem ihr breites Lebengeheimnisvoll zu dunkeln schien.In allen ihren Werken schaut er sichwie eingelegtes Silber in Zierraten,und es gibt keine That in ihren Thatendie nicht auch war in seinen stillen Staatenin denen alles Handelns Roth verblich.

VI

Noch immer schauen in den Silberplattenwie tiefe Frauenaugen die Saphiere,Goldranken schlingen sich wie schlanke Thieredie sich im Glanze ihrer Brünste gatten,und sanfte Perlen warten in dem Schattenwilder Gebilde, daß ein Schimmer ihrestillen Gesichter finde und verliere.Und das ist Mantel, Strahlenkranz und Landund ein Bewegen geht von Rand zu Rand,wie Korn im Wind und wie ein Fluß im Thaleso glänzt es wechselnd durch die Rahmenwand.

In ihrer Sonne dunkeln drei Ovale:das große gibt dem Mutterantlitz Raumund rechts und links hebt eine mandelschmaleJungfrauenhand sich aus dem Silbersaum.Die beiden Hände, seltsam still und braun,verkünden daß im köstlichen Ikonedie Königliche wie im Kloster wohne,die überfließen wird von jenem Sohnevon jenem Tropfen drinnen wolkenohnedie niegehofften Himmel blaun.

Die Hände zeugen noch dafür;aber das Antlitz ist wie eine Thürin warme Dämmerungen aufgegangenin die das Lächeln von den Gnadenwangenmit seinem Lichte irrend sich verlor.

Da neigt sich tief der Zar davor und spricht:Fühltest Du nicht, wie sehr wir in Dich drangenmit allem Fühlen, Fürchten und Verlangen:wir warten auf Dein liebes Angesicht,das uns vergangen ist; wohin vergangen?

Den großen Heiligen vergeht es nicht.

Er bebte tief in seinem steifen Kleiddas strahlend stand. Er wußte nicht wie weiter schon von allem war und ihrem Segnenwie selig nah in seiner Einsamkeit.

Noch sinnt und sinnt der blasse Gossudar.Und sein Gesicht das unterm kranken Haarschon lange tief und wie im Fortgehn war,verging, wie jenes in dem Goldovale,in seinem großen goldenen Talar.

(Um ihrem Angesichte zu begegnen.)

Zwei Goldgewänder schimmerten im Saaleund wurden in dem Glanz der Ampeln klar.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 1, S. 99–112, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Zaren“, Fassung 2.333.346 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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