Die zweite Elegie
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
79 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1923
JEDER Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir,ansing ich euch, fast tödliche Vögel der Seele,wissend um euch. Wohin sind die Tage Tobiae,da der Strahlendsten einer stand an der einfachen Haustür,zur Reise ein wenig verkleidet und schon nicht mehr furchtbar;(Jüngling dem Jüngling, wie er neugierig hinaussah).Träte der Erzengel jetzt, der gefährliche, hinter den Sterneneines Schrittes nur nieder und herwärts: hochauf-schlagend erschlüg uns das eigene Herz. Wer seid ihr?
Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,Höhenzüge, morgenrötliche Gratealler Erschaffung, – Pollen der blühenden Gottheit,Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumultestürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,Spiegel, die die entströmte eigene Schönheitwiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.
Denn wir, wo wir fühlen, verflüchtigen; ach wiratmen uns aus und dahin; von Holzglut zu Holzglutgeben wir schwächern Geruch. Da sagt uns wohl einer:ja, du gehst mir ins Blut, dieses Zimmer, der Frühlingfüllt sich mit dir… Was hilfts, er kann uns nicht halten,wir schwinden in ihm und um ihn. Und jene, die schön sind,o wer hält sie zurück? Unaufhörlich steht Anscheinauf in ihrem Gesicht und geht fort. Wie Tau von dem Frühgrashebt sich das Unsre von uns, wie die Hitze von einem
heißen Gericht. O Lächeln, wohin? O Aufschaun:neue, warme, entgehende Welle des Herzens –;weh mir: wir sinds doch. Schmeckt denn der Weltraum,in den wir uns lösen, nach uns? Fangen die Engelwirklich nur Ihriges auf, ihnen Entströmtes,oder ist manchmal, wie aus Versehen, ein wenigunseres Wesens dabei? Sind wir in ihreZüge soviel nur gemischt wie das Vage in die Gesichterschwangerer Frauen? Sie merken es nicht in dem Wirbelihrer Rückkehr zu sich. (Wie sollten sie’s merken.)
Liebende könnten, verstünden sie’s, in der Nachtluftwunderlich reden. Denn es scheint, daß uns allesverheimlicht. Siehe, die Bäume sind; die Häuser,die wir bewohnen, bestehn noch. Wir nurziehen allem vorbei wie ein luftiger Austausch.Und alles ist einig, uns zu verschweigen, halb alsSchande vielleicht und halb als unsägliche Hoffnung.
Liebende, euch, ihr ineinander Genügten,frag ich nach uns. Ihr greift euch. Habt ihr Beweise?Seht, mir geschiehts, daß meine Hände einanderinne werden oder daß mein gebrauchtesGesicht in ihnen sich schont. Das gibt mir ein wenigEmpfindung. Doch wer wagte darum schon zu sein?Ihr aber, die ihr im Entzücken des andernzunehmt, bis er euch überwältigtanfleht: nicht mehr –; die ihr unter den Händeneuch reichlicher werdet wie Traubenjahre;die ihr manchmal vergeht, nur weil der andre
ganz überhandnimmt: euch frag ich nach uns. Ich weiß,ihr berührt euch so selig, weil die Liebkosung verhält,weil die Stelle nicht schwindet, die ihr, Zärtliche,zudeckt; weil ihr darunter das reineDauern verspürt. So versprecht ihr euch Ewigkeit fastvon der Umarmung. Und doch, wenn ihr der erstenBlicke Schrecken besteht und die Sehnsucht am Fensterund den ersten gemeinsamen Gang, einmal durch den Garten:Liebende, seid ihrs dann noch? Wenn ihr einer dem anderneuch an den Mund hebt und ansetzt –: Getränk an Getränk:o wie entgeht dann der Trinkende seltsam der Handlung.
Erstaunte euch nicht auf attischen Stelen die Vorsichtmenschlicher Geste? war nicht Liebe und Abschiedso leicht auf die Schultern gelegt, als wär es aus andermStoffe gemacht als bei uns? Gedenkt euch der Hände,wie sie drucklos beruhen, obwohl in den Torsen die Kraft steht.Diese Beherrschten wußten damit: so weit sind wirs,dieses ist unser, uns so zu berühren; stärkerstemmen die Götter uns an. Doch dies ist Sache der Götter.Fänden auch wir ein reines, verhaltenes, schmalesMenschliches, einen unseren Streifen Fruchtlandszwischen Strom und Gestein. Denn das eigene Herz übersteigt unsnoch immer wie jene. Und wir können ihm nicht mehrnachschaun in Bilder, die es besänftigen, noch ingöttliche Körper, in denen es größer sich mäßigt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Duineser Elegien S. 11–13, Erste Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1923
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die zweite Elegie“, Fassung 3.581.286 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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