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Versbuch

Die Worte des Engels

Rainer Maria Rilke · 18751926

43 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1906

Verkündigung

Die Worte des Engels

Du bist nicht näher an Gott als wir;wir sind ihm alle weit.Aber wunderbar sind Dirdie Hände benedeit.So reifen sie bei keiner Frau,so schimmernd aus dem Saum:ich bin der Tag, ich bin der Thau,Du aber bist der Baum.

Ich bin jetzt matt, mein Weg war weit,vergib mir, ich vergaßwas er, der groß in Goldgeschmeidwie in der Sonne saß,Dir künden ließ, Du Sinnende,(verwirrt hat mich der Raum).Sieh: Ich bin das Beginnende,Du aber bist der Baum.

Ich spannte meine Schwingen ausund wurde seltsam weit;jetzt überfließt Dein kleines Hausvon meinem großen Kleid.Und dennoch bist Du so alleinwie nie und schaust mich kaum;das macht: Ich bin ein Hauch im Hain,Du aber bist der Baum.

Die Engel alle bangen so,lassen einander los:noch nie war das Verlangen so,so ungewiß und groß.Vielleicht, dass etwas bald geschieht,das Du im Traum begreifst.Gegrüßt sei, meine Seele sieht:Du bist bereit und reifst.Du bist ein großes, hohes Tor,und aufgehn wirst Du bald.Du, meines Liedes liebstes Ohr,jetzt fühle ich: Mein Wort verlorsich in Dir wie im Wald.

So kam ich und vollendeteDir tausendeinen Traum.Gott sah mich an; er blendete …

Du aber bist der Baum.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 1, S. 65–68, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Worte des Engels“, Fassung 2.357.727 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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