David singt vor Saul
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
47 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1907
I
König, hörst du wie mein SaitenspielFernen wirft, durch die wir uns bewegen:Sterne treiben uns verwirrt entgegen,und wir fallen endlich wie ein Regen,und es blüht, wo dieser Regen fiel.
Mädchen blühen, die du noch erkannt,die jetzt Frauen sind und mich verführen;den Geruch der Jungfraun kannst du spürenund die Knaben stehen, angespanntschlank und atmend, an verschwiegnen Türen.
Daß mein Klang dir alles wiederbrächte.Aber trunken taumelt mein Getön:Deine Nächte, König, deine Nächte —,und wie waren, die dein Schaffen schwächte,o wie waren alle Leiber schön.
Dein Erinnern glaub ich zu begleiten,weil ich ahne. Doch auf welchen Saitengreif ich dir ihr dunkles Lustgestöhn? —
II
König, der du alles dieses hattestund der du mit lauter Leben michüberwältigest und überschattest:komm aus deinem Throne und zerbrichmeine Harfe, die du so ermattest.
Sie ist wie ein abgenommner Baum:durch die Zweige, die dir Frucht getragen,schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagenwelche kommen —, und ich kenn sie kaum.
Laß mich nicht mehr bei der Harfe schlafen;sieh dir diese Knabenhand da an:glaubst du, König, daß sie die Oktaveneines Leibes noch nicht greifen kann?
III
König, birgst du dich in Finsternissen,und ich hab dich doch in der Gewalt.Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen,und der Raum wird um uns beide kalt.Mein verwaistes Herz und dein verworrneshängen in den Wolken deines Zornes,wütend ineinander eingebissenund zu einem einzigen verkrallt.
Fühlst du jetzt wie wir uns umgestalten?König, König, das Gewicht wird Geist.Wenn wir uns nur aneinander halten,du am Jungen, König, ich am Alten,sind wir fast wie ein Gestirn das kreist.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 12, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „David singt vor Saul“, Fassung 3.780.287 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.