Der Turm
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
24 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1907
TOUR ST.-NICOLAS, FURNES
Erdinneres. Als wäre dort, wohindu blindlings steigst, erst Erdenoberfläche,zu der du steigst im schrägen Bett der Bäche,die langsam aus dem suchenden Gerinn
der Dunkelheit entsprungen sind, durch diesich dein Gesicht, wie auferstehend, drängtund die du plötzlich siehst, als fiele sieaus diesem Abgrund, der dich überhängt
und den du, wie er riesig über dirsich umstürzt in dem dämmernden Gestühle,erkennst, erschreckt und fürchtend, im Gefühle:o wenn er steigt, behangen wie ein Stier —:
Da aber nimmt dich aus der engen Endungwindiges Licht. Fast fliegend siehst du hierdie Himmel wieder, Blendung über Blendungund dort die Tiefen, wach und voll Verwendung
und kleine Tage wie bei Patenier,gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde,durch die die Brücken springen wie die Hunde,dem hellen Wege immer auf der Spur,
den unbeholfne Häuser manchmal nurverbergen, bis er ganz im Hintergrundeberuhigt geht durch Buschwerk und Natur.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 75, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Turm (Rilke)“, Fassung 3.780.199 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.