Der Träumer
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
18 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1955
I
Es war ein Traum in meiner Seele tief.Ich horchte auf den holden Traum:ich schlief.Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief,und wie ich träumte, hört ich nicht:es rief.
II
Träume scheinen mir wie Orchideen. –So wie jene sind sie bunt und reich.Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfteziehn sie just wie jene ihre Kräfte,brüsten sich mit dem ersaugten Blute,freuen in der flüchtigen Minute,in der nächsten sind sie tot und bleich. –Und wenn Welten oben leise gehen,fühlst du’s dann nicht wie von Düften wehen?Träume scheinen mir wie Orchideen. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Larenopfer. In: Sämtliche Werke, Band I, S. 36-37., Insel-Verlag, Frankfurt am Main, 1955
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Träumer“, Fassung 3.779.372 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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