Der Wahnsinn
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
24 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Sie muß immer sinnen: Ich bin … ich bin …Wer bist du denn, Marie?Eine Königin, eine Königin!In die Kniee vor mir, in die Kniee!
Sie muß immer weinen: Ich war … ich war …Wer warst du denn, Marie?Ein Niemandskind, ganz arm und bar,und ich kann dir nicht sagen wie.
Und wurdest aus einem solchen Kindeine Fürstin, vor der man kniet?Weil die Dinge alle anders sind,als man sie beim Betteln sieht.
So haben die Dinge dich groß gemacht,und kannst du noch sagen wann?Eine Nacht, eine Nacht, über eine Nacht, –und sie sprachen mich anders an.Ich trat in die Gasse hinaus und sieh:die ist wie mit Saiten bespannt;da wurde Marie Melodie, Melodie …und tanzte von Rand zu Rand.die Leute schlichen so ängstlich hin,wie hart an die Häuser gepflanzt, –denn das darf doch nur eine Königin,daß sie tanzt in den Gassen: tanzt! …
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 1. Buch Teil 1, S. 17, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Wahnsinn“, Fassung 2.357.747 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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