Zum Inhalt springen
Versbuch

Aus dem dreißigjährigen Kriege

Rainer Maria Rilke · 18751926

185 Zeilen in 53 Strophen · zuerst gedruckt 1955

AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE

Kohlenskizzen in Callots Manier

1. KRIEG

Finster ist die Welt geworden, –darum Dörfer rasch entloht!und die Welt ist grau; – drum rotfärbt sie durch das Morden!

Bauer! Bittest um dein Leben?Nimm dirs! Aber bei uns bleib!Herrgott hat dir Ochs und Weibnur für uns gegeben.

Laß den Teufel Felder pflügen;sieh, wir haben stets genung!Vorwärts – einen Werbetrunkaus den vollen Krügen!

2. ALEA JACTA EST

»... Tod oder Sold!«Und jetzt die Trommel schnellher. Auf das TrommelfellWürfel gerollt.

So wird dem Lohn,der unsre Streiche sucht.Sieh, der Baum, reiche Fruchtträgt er doch schon!

Solltest schon längsthängen dran, Kamerad!Drum ists nicht jammerschad,wenn du dann hängst!

3. KRIEGSKNECHTS-SANG

Lag auf einer Trommel nackt,kaum zwei Spannen lang,und der rauhe Trommeltaktwar mein Wiegensang.

Wild zu wettern taugte ichdamals schon im Zorn,meine Milch, die saugte ichaus dem Pulverhorn.

Damals taufte jeden gutder Korp’ral; beim Schopfnahm er ihn, goß Schwedenblutheiß ihm übern Kopf.

4. KRIEGSKNECHTS-RANG

Bei uns gibts nicht Edelinge,die was gelten durch ihr Blut,jedes Rang ist jedes Klinge,und sein Wappen ist der Mut.

Wer nur immer kühn sein Schwert zog,hält den Schild von Schande rein,wer noch gestern unterm Heer zog,Herzog kann er morgen sein.

5. BEIM KLOSTER

Was gibts? — Eine Klosterpforte? —Ei, Potz Blitz!Eine Tür von dieser Sorterenn ich ohne viele Worteein mit meiner Nasenspitz!

Auf das Tor ein fester Stempel ...Pfaffe, komm!Jetzt heraus mit deinem Krempel,paar Monstranzen zum Exempelund paar Kelche: wir sind fromm.

Laß jetzt dein: Peccavi, pater ...Leucht zum Weinuns mit deiner Nase, Frater,dorten kannst du uns ein Raterund ein ›Seelensorger‹ sein!

6. BALLADE

Gestern zogen wilde Hordendurch das Dörfchen hin mit Morden,und ein Mädchen sinnt jetzt still:Ist der Liebste untreu worden,weil er heut nicht kommen will? –Draußen schrien die Dohlen.

Mädchen ging mit bleicher Wangedurch das Haus. – Sie harrte lange,und des Nachts floh sie der Schlaf.Und sie schlich hinaus zum Hange,wo sie stets den Teuren traf.Ängstlich schrien die Dohlen.

Und die Nacht war schwarz, die schwüle,fern nur brannte eine Mühle ...Weinend wählt die matte Maidsich gar weiches Kraut zum Pfühleund entschlief in lauter Leid.Schrieen noch die Dohlen?

Spät erwacht sie. Nebel grautenrings – soweit die Augen schauten ...Weh! – Was sie ein Kraut geglaubt,ist das Haar an ihres Trautenblutigem, zerschelltem Haupt. –Schrecklich schrien die Dohlen.

7. DER FENSTERSTURZ

»Naht Verrat mit leisem Schritte,ungerächt, bei der Madonna,bleibt er nicht! Nach alter Sittezu den Fenstern!« schrie Colonna.

»Schont den Popel! doch die andern,jeder eine feige Natter,aus den Fenstern laßt sie wandern!Mitleid? –Werft ihn mit, den Platter!«

Bange hangt am FensterstockeMartinitz noch. – Da Geröchel:Turn schwingt seine Degenglockeund zerschmettert ihm die Knöchel.

Und zum nächsten: »Sag, wie heißt er,Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!«»Graf von Turn! « – »Der Bürgermeisterlasse alle Glocken läuten!« –

8. GOLD

»Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold.Wo hast das Gold du her?« –»Da schaust du, Kind, das ist mein Sold,kein Obrist hat wohl mehr!«

»Nein, das ist gutes, rotes Gold,das kann dein Sold nicht sein! « –»Beim Spielen war das Glück mir hold,und da ward alles mein! «

»Ist wirklich alles dein – das Gold,gesteh, – und ists kein Trug?« –»Nun, Würfel haben mir gerollt,und jetzt laß es genug!«

»Und gibst du mir auch von dem Gold?«»Das weißt du!« – »Nein, du Schelm,just auf der Stelle, sieh, ich wollt,du füllst mir deinen Helm!«

»Es sei! « – »Wie’s durch die Finger bebt,der Glanz gefällt mir gut! –– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –...Schau, was dir da am Finger klebt,kam das vom Golde? – Blut!« – ...– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

9. SZENE

Du kniest am Markstein, Alter, sprich! –Das ist kein Heilgenbild!«»Kein Bild? – Ich bet. – Es faßte michdas Schicksal gar so wild.«

»Hast du kein Haus, hast du kein Land,das deiner Hände braucht?«»Das Land zerstampft, das Haus verbrannt,sieh hin – gewiß – es raucht.«

»Was bauts nicht wieder auf dein Sohnund hilft dir aus der Not?«»Mein Sohn zog in den Krieg davon,jetzt ist er sicher tot.« –

»Was streicht dir deines Haares Schneeder Tochter Hand nicht weich?« –»Der bracht ein Troßbub Schand und Weh,da sprang sie in den Teich.« –

»So sieh mir ins Gesicht! – Und brachdas Herz dir auch vor Graus ...«– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –»Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknechtstach mir beide Augen aus.«

10. FEUERLILIE

Winters, als die Äste krachten,keine Bäche konnten frieren,weil die Fluten Blutes ihrenPulsschlag immer neu entfachten.

Als die Zeit kam, da die Blumeaufwacht und der Vogel flötet,sprang die Lilie selbst gerötetaus der todgedüngten Krume.

11. BEIM FRIEDLAND

Heimgekehrt von Schlacht und Schlagfreut sich Obrist und Gemeiner;denn jetzt hält der Wallensteinerwieder seinen Hof zu Prag.

Just ließ frei den Turn er ziehn;das war so von seinen Trümpfeneiner. – Drauf ward NasenrümpfenMode ... dort bei Hof zu Wien.

Laßt sie zetern. Friedlands Heermuß nicht darben und nicht dürsten, –und aus Knechten macht er Fürsten,unser Herzog. – Wer kann mehr?

12. FRIEDEN

Prag gebar die Mißgestaltdieses Krieges, der voll Tückehauste. – Auf der Karlsbrückestarb er, dreißig Jahre alt.

Endlich riß das Eisenstücknur dem Acker eine Schramme,und vom Kirchturm schlug die Flammein den trauten Herd zurück.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Larenopfer. In: Sämtliche Werke, Band I, S. 51-59., Insel-Verlag, Frankfurt am Main, 1955
Digitalisat
de.wikisource.org — „Aus dem dreißigjährigen Kriege“, Fassung 3.779.643 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Rainer Maria Rilke

Alle Gedichte von Rainer Maria Rilke ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.