Aus einer Sturmnacht
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
112 Zeilen in 19 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Acht Blätter mit einem Titelblatt
Titelblatt
Die Nacht, vom wachsenden Sturme bewegt,wie wird sie auf einmal weit –,als bliebe sie sonst zusammengelegtin die kleinlichen Falten der Zeit.Wo die Sterne ihr wehren, dort endet sie nichtund beginnt nicht mitten im Waldund nicht an meinem Angesichtund nicht mit deiner Gestalt.Die Lampen stammeln und wissen nicht:lügen wir Licht?Ist die Nacht die einzige Wirklichkeitseit Jahrtausenden …
I
In solchen Nächten kannst du in den GassenZukünftigen begegnen, schmalen blassenGesichtern die dich nicht erkennenund dich schweigend vorüberlassen.Aber wenn sie zu reden begännen,wärst du ein Langevergangenerwie du da stehst,langeverwest.Doch sie bleiben im Schweigen wie Tote,obwohl sie die Kommenden sind.Zukunft beginnt noch nicht.Sie halten nur ihr Gesicht in die Zeitund können, wie unter Wasser, nicht schauen;und ertragen sie’s doch eine Weile,sehn sie wie unter den Wellen: die Eilevon Fischen und das Tauchen von Tauen.
II
In solchen Nächten gehn die Gefängnisse auf.Und durch die bösen Träume der Wächtergehn mit leisem Gelächterdie Verächter ihrer Gewalt.Wald! Sie kommen zu dir, um in dir zu schlafen,mit ihren langen Strafen behangen.Wald!
III
In solchen Nächten ist auf einmal Feuerin einer Oper. Wie ein Ungeheuerbeginnt der Riesenraum mit seinen RängenTausende, die sich in ihm drängen,zu kauen.Männer und Frauenstaun sich in den Gängen,und wie sich alle aneinander hängen,bricht das Gemäuer, und es reißt sie mit.Und niemand weiß mehr wer ganz unten litt;während ihm einer schon das Herz zertritt,sind seine Ohren noch ganz voll von Klängen,die dazu hingehn …
IV
In solchen Nächten, wie vor vielen Tagen,fangen die Herzen in den Sarkophagenvergangner Fürsten wieder an zu gehn:und so gewaltig drängt ihr Wiederschlagengegen die Kapseln, welche widerstehn,daß sie die goldnen Schalen weitertragendurch Dunkel und Damaste, die zerfallen.Schwarz schwankt der Dom mit allen seinen Hallen.Die Glocken, die sich in die Thürme krallen,hängen wie Vögel, bebend stehn die Thüren,und an den Trägern zittert jedes Glied:Als trügen seinen gründenden Granitblinde Schildkröten, die sich rühren.
V
In solchen Nächten wissen die Unheilbaren:wir waren …Und sie denken unter den Krankeneinen einfachen guten Gedankenweiter, dort, wo er abbrach.Doch von den Söhnen, die sie gelassen,geht der jüngste vielleicht in den einsamsten Gassen;denn gerade diese Nächtesind ihm als ob er zum ersten Mal dächte:Lange lag es über ihm bleiern,aber jetzt wird sich alles entschleiern –,und, daß er das feiern wird,fühlt er …
VI
In solchen Nächten sind alle die Städte gleich,alle beflaggt.Und an den Fahnen vom Sturm gepacktund wie an Haaren hinausgerissenin irgend ein Land mit ungewissenUmrissen und Flüssen.In allen Gärten ist dann ein Teich,an jedem Teiche dasselbe Haus,in jedem Hause dasselbe Licht;und alle Menschen sehn ähnlich ausund halten die Hände vorm Gesicht.
VII
In solchen Nächten werden die Sterbenden klar,greifen sich leise ins wachsende Haar,dessen Halme aus ihres Schädels Schwächein diesen langen Tagen treiben,als wollten sie über der Oberflächedes Todes bleiben.Ihre Gebärde geht durch das Hausals wenn überall Spiegel hingen;und sie geben – mit diesem Grabenin ihren Haaren – Kräfte aus,die sie in Jahren gesammelt haben,welche vergingen.
VIII
In solchen Nächten wächst mein Schwesterlein,das vor mir war und vor mir starb, ganz klein.Viel solche Nächte waren schon seither:Sie muß schon schön sein. Bald wird irgendwersie frein.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 12, S. 155–165, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Aus einer Sturmnacht“, Fassung 2.912.304 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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